26.04.2024

Die Zukunft von Demokratie und Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft

In einer Zeit, in der die Medienlandschaft und gesellschaftliche Strukturen einem rasanten Wandel unterliegen, stehen Demokratie und Öffentlichkeit vor neuen Herausforderungen und zahlreichen Chan­cen. Um diese komplexen Wechselwirkungen zwischen Medienentwicklung, gesellschaftlichem Wan­del und demokratischen Prozessen zu beleuchten und zu vertiefen, hat das TOGI zusammen mit dem Zentrum für Medien und Gesellschaft und dem von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt „Bots Building Bridges“ am 26. April 2024 zu einem Workshop zur "Zukunft von Demo­kratie und Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft" eingeladen. Die Veranstaltung beleuchtete den Themen­komplex auf verschiedene Arten, um einen multi­pers­pek­ti­vischen Blick einzunehmen. Dieser ist notwendig, um Herausforderungen und Chancen identifizieren und Lösungsansätze bieten zu kön­nen. Internationale Expertinnen und Experten aus der Politik- und Kommunikationswissenschaft boten in ihren Keynote-Vorträgen hierzu einen vertiefenden und forschungsbasierten Einblick:


PD Dr. Martin Herbers führte mit einem Rundblick in den Workshop ein, in dem er auf die anhaltenden Ver­änderungen durch Digitalisierung, Medienwandel und künstliche Intelligenz mit ihren positiven und negativen Auswirkungen einging. Das Zentrum möchte sich mit dem Veranstaltungsformat der Begleitung und Mitgestaltung dieser digitalen Transformation widmen, sowohl aus einer konstruktiven als auch aus einer kritischen Perspektive.

Vortrag

Dr. Kathrin Paprotnik von der Universität Graz ging in ihrem Vortrag darauf ein, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei und diese vor zahlreichen Herausforderungen stehe. So würden sich neue Vergleichbarkeiten ergeben und Möglichkeiten zur Partizipation eröffnen. Medienhäuser versuchen sich als glaubwürdige Insti­tu­tio­nen neu zu positionieren. Zugleich wandeln sich viele Medienhäuser und der öffentlich-rechtliche Rund­funk im Rahmen der digitalen Transformation. Erschreckenderweise werden Ein­schalt­quoten und Klick-Zahlen als Indikatoren für Aufmerksamkeit zunehmend wichtiger als die Qualität einer Veröffentlichung. Dies wird spürbare Folgen für Journalismus und Demokratien haben.


Prof. Robert Ackland PhD berichtete von seinem Virtual Observatory for the Study of Online Networks Lab (VOSON). Dieses Labor ist an der Research School der Sozialwissenschaften der Australischen National­universität in Canberra angesiedelt. Ziel des Labs ist es, die Sozialwissenschaft des Internets durch ein inno­vatives Programm für Forschung, Entwicklung von Forschungsinstrumenten, Lehre und Aus­bildung voran­zubringen. Die VOSON-Tools sind seit 2006 öffent­lich zugänglich. Die aktuelle Suite von VOSON R-Tools ist auf CRAN und GitHub ver­füg­bar und wurde bisher über 85.000-mal herunter­geladen. VOSONDash ist eine R/Shiny Dash­board-An­wen­dung, die Daten­erfassung, Netz­werk­gene­rierung, Netzwerkvisualisierung und Analysewerkzeuge (SNA und Text) inte­griert. Die Anwendung baut auf einer Reihe von R-Paketen auf, insbesondere igraph (für die Netz­werk­analyse) und vosonSML. VOSONDash bietet eine visuelle Benutzeroberfläche, um die Benutzer­führung zu erleichtern. Im 3B Bots Building Bridges Projekt konzentriert er sich mit seinen Partnern auf die drei Analyseebenen der politischen Online-Kommunikation: die Erkennung von Social Bots und ihrer Strategien zur Manipulation der Kommunikation (Akteursebene), konfliktreiche Diskus­sionen zwischen Nutzern (Interaktionsebene) und die Entstehung von Echokammern (Strukturebene). Dies demonstrierte er anhand einer Analyse der Kommentare von Nutzenden auf der Plattform Twitter (heute X) zum ersten TV-Duell zwischen den US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump aus dem Jahr 2020. Auf der Grundlage eines tieferen Verständnisses der hier illustrierten Probleme auf jeder Ebene wird das 3B-Projekt Werk­zeuge und Methoden entwickeln, die die politische Deliberation im Internet über­wachen und unter­stützen. Diese Werkzeuge und Methoden werden manipulative Social Bots aufdecken, die Qualität und Vielfalt politischer Diskussionen verfolgen und Brücken zwischen digitalen Gemein­schaften bauen, um zur Diversifizierung der Meinungen in Echokammern beizutragen.

Dr. Silke Fürst von der Universität Zürich stellte mit ihrem Impuls die Frage, ob Nachrichten im Interesse des Publikums seien. So sei ein Wandel der Medien­nutzung und der Erwar­tun­gen in den Zielgruppen an die politische Bericht­erstattung zu beobachten. Sichtbar wird dies an News-Deprivierten, die im Vergleich zum Be­völ­ke­rungs­durchschnitt mit News unterversorgt sind und nur sehr punktuell und neben­her über soziale Me­dien mit News versorgt werden, so­wie an der geringen bis mangelnden Zahlungs­bereit­schaft vieler Leser:innen. Folge sind weniger kriti­sche Perspektiven im Diskurs sowie die Sorge, dass die politische Partizi­pation in der Demokratie ge­fähr­det wird. Ein konstruktiver Journalismus, der Ge­schich­ten sichtbarer macht und offene Kom­mu­ni­ka­tion stärkt, kann hier die journa­lis­tische Berichterstattung ergänzen.

Teilnehmer

Prof. Dr. Sigrid Kannengießer von der Universität Münster fokussierte sich auf Nachhaltigkeit und Demokratie. Sie forderte ein Zusammendenken von Digitalisierung und Datafizierung ein, was in einer gemein­samen Gestaltung digitaler Zielbilder münden sollte. Während die Digitalisierung die gesell­schaftlichen Metaprozesse rund um neuartige digitale Medien umschreibt, sorgt die Datafizierung für eine Quantifizierung gesell­schaftlicher Prozesse und schafft so riesige Datenhalden. Alles wird zu­neh­mend digital erfasst, vermessen, gespeichert und überwacht. Nachhaltigkeit als Denkansatz eröffnet in diesem Trans­formationsprozess neuartige wie wertvolle Sicht­weisen, die Gestaltung und Handeln ver­ändern könnten. In diesem Zusammenhang ging sie auf Nachhaltigkeitsdiskurse, Medienrezeption, nachhaltige Medienpraktiken und das Lieferkettengesetz ein. Sie betonte, wie wichtig eine komplexe Medienbildung für eine nachhaltige Entwicklung sei, die echter mündiger Bürger:innen, eines Problem­bewusstseins und konstruktiver Gegenvorschläge bedarf.


Diese Keynotes bildeten auch die inhaltliche Grundlage für ein offenes, virtuelles Brainstorming aller Beteiligten. Sie setzten sich mit der Relevanz von künstlicher Intelli­genz im Kontext von Fake News, der Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Nach­haltig­keitskommunikation im politischen Raum auseinander. So wurde auch die weitere Zusammenarbeit auf der Themenebene eingespielt.

Die abschließende Podiumsdiskussion wur­de von PD Dr Martin Herbers moderiert. Sie drehte sich um neue Formen der Zu­sam­men­arbeit, einer gesicherten Finanzierung von Journalis­mus zur Sicherung der Demo­kratie, Inter­disziplinarität durch Ein­bin­dung ver­schie­dener Wissenschaften und Sichten, den Intelli­genz in der Medienwelt, den Poten­tialen von For­schungs­laboren und dem künf­tigen Rahmen von Journa­lismus. Die Diskutanten, Prof. Ackland, Dr. Fürst sowie die Professoren von Lucke und Muhle von der ZU, waren sich einig, dass man derzeit an der Kreuzung ganz verschiedener Pfade stehe, die in neue Terri­torien weit weg von den Erfahrungswelten der klassischen Massen­medien führen. Power und Engagement sind entscheidend, um die Zukunft aktiv mitzu­gestalten.

Herbers Moderation

Die Videos der Vorträge und Diskussionen wird das Zentrum in den kommenden Wochen über den YouTube-Kanal der Zeppelin Universität bereitstellen. Martin Herbers wird im Herbst 2024 den dazu­gehörigen Tagungsband herausgeben, in dem die Vorträge, die Diskussionen und die Ergebnisse des Brainstormings zusammengefasst werden. Der Volkswagen-Stiftung sei an dieser Stelle besonders für ihre Unterstützung bei der Durchführung dieser Veranstaltung gedankt.

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