01.03.2024

Amar Günther

Nach mehreren Anläufen hat Amar Günther nun seinen Platz an der ZU gefunden. Ausdruck dessen ist seine Amtszeit als studentischer Vizepräsident, in der er mit viel Herzblut die Universität mitgestaltet und seinen Kommiliton:innen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Eine Aufgabe übrigens, an der er selbst gewachsen ist. Im Studienalltag zurückgekehrt, möchte er nun nicht nur an seiner eigenen Zukunft arbeiten, sondern auch an Visionen für eine gerechtere Welt.



Die Eltern von Amar Günther führten einen freigeistigen, unkonventionellen und spirituellen Lebensstil, was zur Folge hatte, dass seine Kindheit und die seiner zwei Jahre jüngeren Schwester von unzähligen Umzügen geprägt war: Erst in Göttingen und Umland, dann in verschiedenen Ecken Leipzigs. Und so besuchte er nicht nur einen Kindergarten und eine Grundschule, sondern gleich mehrere. „Ich war immer und überall der Neue“, erinnert sich Günther, „und da es mir schwerfiel, auf Menschen zuzugehen, war ich derjenige, der ruhig in der Ecke saß und sein eigenes Ding durchzog.“


In der Familie war ab und zu sogar die Rede davon, das Land hinter sich zu lassen und auszuwandern, was aber an Kleinigkeiten scheiterte, etwa, dass auf dem Weg zur Meldebehörde ein Portemonnaie abhandenkam. Was die Familie aber unternahm, waren längere Reisen nach Indien. Dort kam es zu den einschneidendsten Momenten, die er je erlebt hatte. „An einer Straße zu stehen und nur ein paar Meter voneinander entfernt ein verhungerndes Kind, einen Luxuswagen und einen Eselskarren zu sehen: Das waren Erfahrungen, die mich früh zum Nachdenken gebracht haben“, berichtet Günther. Fortan wälzte er sich durch diverse soziale, politische und ökonomische Bücher, um zu erfahren, was gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit getan werden kann.


Neue Perspektiven ergaben sich automatisch aus den Gesprächen in der Familie. „Unterschiedliche Sichtweisen auf ein- und dasselbe Thema begleiteten mich allein schon deswegen, weil mein Vater in Ostdeutschland aufgewachsen ist und meine Mutter in Westdeutschland großgeworden ist“, erwähnt Günther. „Und dann war da natürlich das Leben in Leipzig, wo die linke und die rechte Szene aufeinanderprallen und zu einer starken Polarisierung und Politisierung führen.“ Für ihn stand außer Frage, sich gegen rechts zu positionieren, in die Partei „DIE LINKE“ einzutreten und sowohl als Parteimitglied als auch als Demonstrant für eine weltoffene Stadt einzustehen. „Parteipolitisch war ich aber nie an vorderster Front aktiv, vielmehr hielt ich mich im Hintergrund“, bemerkt Günther, der inzwischen aufgrund inhaltlicher Differenzen und parteiinterner Querelen aus der Linken ausgetreten ist. Auch seine Liebe zur Stadt hat erste Risse bekommen: „Leipzig hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Die Stadt wird leider zu Tode gehypt und gentrifiziert und büßt so ihren Charme ein.“


Der elterlichen Lebensweise entsprechend, genoss Amar Günther viel Freiraum und viele Freiheiten. Freischwebend ohne jedweden Druck war es an Amar Günther, den Dingen ihren Lauf zu lassen. „Während meiner Schulzeit verfolgte ich derart viele Interessen, dass ich nach dem Abitur zunächst einmal gar nicht wusste, was ich in meinem Leben machen möchte“, konstatiert Günther. Entwicklungszusammenarbeit schwebte ihm noch am ehesten vor, nahm er ein Studium in Wirtschaftswissenschaften und in Afrikastudien an der Universität Leipzig auf. In einer linken Blase aufgewachsen, wie er selbst sagt, befand er sich schon nach zwei Wochen in Schockstarre. Kurzerhand reiste er sich nach Thailand, um beim Muay Thai einen klaren Kopf zu bekommen. Wenn er nicht trainierte, dann besorgte er gemeinsam mit der Campleiterin die Zutaten für die Mahlzeiten. Mit einer neu entdeckten Leidenschaft für Lebensmittel und fürs Kochen zurückgekehrt, verdingte er sich als Tellerwäscher in verschiedenen Küchen und schaute dabei den Köch:innen über die Schultern.


Eine Ausbildung zum Koch sollte ihm die nötige Zeit verschaffen, um genau zu wissen, wohin er möchte. Nach mehreren Probekochen landete er schließlich in einem mit zwei Michelin Sternen ausgezeichneten Gourmetrestaurant in Aschau im Chiemgau. Von Tag eins an arbeitete er am Posten, nach kurzer Zeit bereitete er die Saucen und das Fleisch zu. Der eintönige Alltag, die hereinbrechende Coronapandemie, das fensterlose und verschimmelte Mitarbeiterzimmer und die weit entfernte Heimat ließen den Zauber der funkelnden Sterneküche schnell verpuffen. Nahezu nahtlos ging es weiter mit einem Bachelor in Medieninformatik an der HTWK Leipzig. „Hätte ich die FSPO genauer studiert, dann hätte ich gewusst, worauf ich mich da einlasse“, sagt Günther. „Denn höhere Mathematik und Programmieren haben es wirklich in sich.“ Im ersten Moment überfordert, entdeckte er nach und nach seine nerdige Seite und entwickelte wie aus dem Nichts ein Faible für die Graphentheorie und versuchte sich daran, bislang ungelöste mathematische Probleme zu lösen.


Eine Epiphanie anderer Art offenbarte sich ihm, als er in dieser Phase zum ersten Mal die ZU-Website besuchte. „Als ich den SPE-Bachelor gesehen habe, wusste ich: Das ist es!“, erzählt Günther. „Ich musste mir nur endlich eingestehen, dass das Interesse an sozialen, politischen und ökonomischen Dimensionen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit genau das ist, was mir seit jeher auf der Seele brennt.“ Sich in gewisser Weise treu bleibend, startete er dann doch mit dem PAIR-Bachelor, um nach zwei Semestern in den SPE-Bachelor zu wechseln. Fest steht: „Die ZU ist für mich ein ganz besonderer Ort, weil sie tatsächlich der erste Ort in meinem Leben ist, an dem ich mich angekommen fühle.“


In den ersten Semestern untersuchte er, wie sich die mediale Skandalberichterstattung auf das Vertrauen in die Kanzlerkandidat:innen der vergangenen Bundestagswahl ausgewirkt hat, er beleuchtete linke und rechte Bewegungen in Südamerika und näherte sich philosophisch der künstlichen und menschlichen Intelligenz. Zu diesem Zeitpunkt war seine Schüchternheit ein unübersehbarer Teil seines Lebens: In den Seminaren meldete er sich kaum zu Wort, in den studentischen Initiativen bekam man ihn nur selten zu Gesicht.


Das änderte sich, als Amar Günther – von seinem Vorgänger informiert, von seinem Mitbewohner drangsaliert, von seiner Familie angespornt – um das Amt des studentischen Vizepräsidenten kandidierte und Person und Ziele im Präsidium präsentierte. „Sobald ich mich mit dem Amt intensiver auseinandergesetzt hatte, war ich Feuer und Flamme und verspürte den starken Wunsch, auch diese Verantwortung zu übernehmen“, sagt Günther. Auch wenn der Start ins Amt schwierig war – er musste nicht nur die Einführungswoche durchführen, sondern auch einen Umzug stemmen und zwei Hausarbeiten schreiben –, lernte er nach dem Wurf ins kalte Wasser schnell das Schwimmen in geordneten Bahnen. „Herausfordernd war anfangs auch, meine eigene Rolle in der Hochschulleitung zu finden und mich in der Hochschulpolitik zurechtzufinden“, ergänzt Günther.


Viele Stunden verbrachte er damit, in Gremien zu sitzen, Delegationen von anderen Universitäten zu begleiten, Studienbewerber:innen bei Auswahl- oder Hochschulinformationstagen zu begrüßen oder Veranstaltungen wie die Orientation Week, das Homecoming Event oder den Development Day zu organisieren. „Das administrative Tagesgeschäft hat so viel Zeit und Energie gekostet, dass ich lernen musste, mich von einigen meiner ursprünglichen Ziele zu verabschieden“, erwähnt Günther. Doch sein zentrales Ziel verlor er nie aus dem Blick: Er wollte für alle Studierenden da sein, ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie mit ihren Problemen und Anliegen rund um die Uhr auf ihn zugehen können. „Inwieweit mir das gelungen ist, müssen andere beurteilen“, bemerkt Günther. „Ich weiß nur, dass ich alles gegeben habe, was in meinem Körper gesteckt hat.“


Nach der Übergabe an seine Nachfolgerin Lena Haas ist Amar Günther mittlerweile wieder im Studienalltag angekommen. „Ich bin dankbar für die Zeit als studentischer Vizepräsident. Das Amt hat mir gezeigt, wie wertvoll es sein kann, auf Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören und gemeinsam mit ihnen an Ideen und Lösungen zu arbeiten“, sagt Günther. „Ich freue mich nun aber auch darauf, mich wieder auf mein Studium konzentrieren zu können.“ Sein Studienziel, Ungleichheit und Ungerechtigkeit in all ihren Facetten zu verstehen, hat sich nicht verändert. „Ich möchte einen positiven Beitrag zu einer gerechteren Welt leisten und Menschen unterstützen, die nicht die Möglichkeiten haben, um ein Leben in Würde führen zu können“, erläutert Günther.


Einige Studienjahre einschließlich Auslandssemester bleiben ihm für die nächste wegweisende Entscheidung. Denn so oder so stellt sich irgendwann die Frage, wie es nach dem Bachelorstudium weitergeht. „Die ZU mit ihren unendlich vielen Möglichkeiten ist der beste Ort, um herauszufinden, was ich in meinem Leben wirklich machen möchte. Ich bin optimistisch, dass sich alles fügen wird.“

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