Ringvorlesung - Jahresthema #nofilter

03.03.2025
Ringvorlesung - Jahresthema #nofilter
Ringvorlesung - Jahresthema #nofilter
Ringvorlesung - Jahresthema #nofilter

Das Jahresthema 2025 nimmt den unscheinbaren, in sozialen Medien wie Instagram oft gebrauchten Hashtag #nofilter zum Anlass einer generellen Befragung der Gegenwart. Die Ausgangsbeobachtung oder Arbeitshypothese dabei lautet, dass Unvermitteltheit, Distanzlosigkeit und ein Insistieren aufauthentischen Erfahrungen geradezu ein Signum unserer Zeit sind. Dieser Eindruck lässt sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Kultur gewinnen; etwa in neueren Social-Media-Applikationen wie „BeReal“, in Reality-TV-Shows, in der Instagramisierung des Alltags bis hin zu den verstörendenLife-Streams von Kriegs- und Gewaltexzessen. Neben der hierbei vorherrschenden Distanzlosigkeit in zeitlicher, räumlicher und emotionaler Hinsicht erscheint das „Realness-Primat“ der Hiphop-Kulturwie ein harmloses Klischee. Denn in der gegenwärtigen Literatur etwa lässt sich ein geradezu extraktivitisches Verhältnis gegenüber der aktuellen Lebenswirklichkeit beobachten. Wenn der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård seine Romanzyklen als „persönliche Enzyklopädie von Dingen aus meinem näheren Umfeld“ beschreibt, so geht damit auch eine gewaltsame Indiskretion einher – bis hin zur Ausbeutung des Lebens der Anderen als literarisches Material. Ähnlich beschreibt es die Literaturwissenschaftlerin Anna Kornbluh. Sie spricht von einem Übergang zu ungefilterter Unmittelbarkeit, den sie jüngst als neuen cultural style analysiert hat: "Immediacy asself-substantiation metabolizes many flights of late-twentieth-century theory: authentications ofsituated knowing, elevations of personal experience, suspicions of grand narratives, transpositions ofpolitics into ethos, and promotion of autoethnography across the disciplines.” Hiervon seien Bereiche wie Marketing, Pädagogik, Selbsthilfegruppen bis hin zu universitären Creative-Writing-Kursen erfasst. Sie alle folgten einer Kultur des Wahrheits- und Unmittelbarkeits-Sprechs, die sich in Kornbluhs Augen zu einer Art Bekenntnisindustrie ausgewachsen hat. In der Academia gälte schon länger, wie es der Rechts- und Politikwissenschaftler Bernard Harcourt formulierte: “every one of usmust write in the first person”. Kornbluh nennt das „unrepresentative personalism” in dem jeder zum „epistemic silo” würde.

Die Berufung auf die unmittelbar, somatisch und affektiv gefühlte Wirklichkeit, die von derfeministischen Theorie und marginalisierten anti-rassistischen, indigenen und queeren Gruppen aus guten Gründen stark gemacht wurde und auch in reichen performativen Praktiken Ausdruck fand – vor allem um dem eigenen, dissidenten Standpunkt zu gesellschaftlichem Recht zu verhelfen–, ist um ein radikalisiertes Hier und Jetzt erweitert. Mit dieser Gerichtetheit auf das eigene situative somatische Empfinden geht in akademischen Kreisen zugleich eine weitverbreitete Hyper-Awareness einher.

Auch das Feld der Politik scheint erfasst von dieser neuartigen Verklärung der Unvermitteltheit, die sich gegenüber objektivierenden Argumentationen, Beobachtungen zweiter oder dritter Ordnung (wie der Soziologe Niklas Luhmann es nennen würde) oder Repräsentationen zunehmend zu immunisierenscheint. Was aber ist so verlockend an der Evidenz subjektiver Eindrücke und der eigenen Betroffenheit? Was ist so attraktiv daran, sie im Hier und Jetzt direkt und „ungefiltert“ zu artikulieren– wie etwa Claudia Roths Tweet auf der Berlinale? Geht es darum – wie der es Leiter der Bildungsstätte Anne Frank formulierte – in einem hyperaktiven politischen Statement-Market in erster Linie die Bedeutsamkeit des eigenen Standpunkts zu manifestieren, anstatt sich einem Streit zu unterziehen?


Im Rahmen des hier skizzierten Jahresthemas möchten wir das Phänomen der Unmittelbarkeit, der Realness und Lifeness nicht nur an Medien, Kunst, Literatur und Filmbeispielen beleuchten. In den Veranstaltungen soll eine möglichst große Bandbreite an Phänomenen untersucht werden: von (jungen) Künstler:innen, die sich gezwungen sehen, ständig ihre eigene Person und Befindlichkeit zu kommunizieren, über den hyperaktiven aktivistischen Modus politischer Auseinandersetzungen, bei denen divergierende Weltanschauungen unvermittelt, unversöhnlich, ressentimentgeladen und nicht mehr kommunikativ einholbar aufeinanderprallen, bis hin zum kontrastiven Verhältnis zwischen dem Verlangen nach Authentizität bzw. dem „unrepresentative personalism” und den rasanten Entwicklungen künstlicher Intelligenzen mit ihren Deep Fakes, ihren digitalen Filtern und ihren Möglichkeiten ungefilterte Authentizität bloß vorzutäuschen.

Was genau drückt sich in dem Verlangen nach dem unmittelbaren Hier-und-Jetzt-Erleben aus? Was hat das ständige Bedürfnis, sich direkt und möglichst wahrhaftig öffentlich zu präsentieren, mit einer durchdigitalisierten Gegenwart zu tun? Was artikuliert sich in der neuen Hyper-Awareness, was mehr wäre als die Reproduktion vorgefertigter Psychologismen, wie sie von den Ikonen des Realityfernsehen und Ratgeberliteratur fabriziert werden? Welchen Zuggriff haben wir überhaupt auf unsere eigenen Befindlichkeiten?

Es gehört zu den Paradoxien der Unmittelbarkeitsphänomens, dass sie selbst inszeniert werden muss. Mehr noch: Es muss sogar erheblicher Aufwand betrieben werden, um eine unmittelbare Erfahrung zu artikulieren.

Wir gehen davon aus, dass das Diktum der Unmittelbarkeit mehr ist als ein narzisstisches Aufbäumen einer selfie-obsessiven Generation-Me. Wir wollen daher fragen, mit welchen ÄsthetikenUnmittelbarkeit, Immersivität, radikale Zeitgenossenschaft und Authentizität inszeniert werden. Wie vermittelt sich Unvermitteltheit? Gibt es eine Medialität des Unmittelbaren? Und gibt es Unmittelbarkeit im Digitalen?


Veranstaltungsform

Die Vorträge beginnen jeweils um 19.15h in der Black Box am ZF Campus der Zeppelin Universität. Audioaufzeichnungen der Ringvorlesung werden im ZU-Podcast veröffentlicht.

Veranstaltungen im Einzelnen

| Dienstag 4. Februar: "On Immediacy" (Paneldiskussion) Armen Avanessian, Karen van den Berg (Professoren der Zeppelin Universität) Deutsch

Termine


| Dienstag 11. Februar: „Climate Counteraesthetics: Middling Mediations In A World Ablaze” Anna Kornbluh (Professorin University of Illinois Chicago) Englisch

Termine


| Dienstag 25. Februar: „Inverted Charisma“ Eva Illouz (Professorin Hebräische Universität Jerusalem, École des hautes études en sciences sociales, Zeppelin Universität Friedrichshafen) Englisch

Termine


| Dienstag 04. März: „On Curating & Filtering” Mohammad Salemy (Künstler und Kurator, Berlin), Cécile Malaspina (directrice de programme Collège International de Philosophie, Paris) Englisch

Termine


| Dienstag 11. März: „Pausenverbot – Zur Vertreibung der Stille aus der Musik“

Joachim Landkammer (Zeppelin Universität) Deutsch

Termine


und


„Konsensuale Entgrenzung – Zur Vertreibung der Verfremdung aus dem Theater“ Rahel Spöhrer (Zeppelin Universität) Deutsch


| Dienstag 18. März: „#nofilter” Tom McCarthy (Autor, London) in conversation with Armen Avanessian (Professor der Zeppelin Universität) Englisch

Termine


| Dienstag 25. März: „Day of the tweet oder die klandestine Medialität des Hasses“ Dominic Brakelmann (Zeppelin Universität) Deutsch


und


„Raum für Utopie? Soziale Virtuelle Realität auf dem Prüfstand“ Felix Krell (Zeppelin Universität) Deutsch

Termine


| Dienstag 01. April „Komplexe Unmittelbarkeiten: Denken über, Denken in, Denken mit und Denken als“ Jan Söffner (Professor Zeppelin Universität) Deutsch

Termine


| Dienstag 8. April „Unmittelbarkeit. Genealogie einer plausiblen Begierde“ Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford University, Hebrew University Jerusalem, Zeppelin Universität) Deutsch

Termine

Zeit, um zu entscheiden

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