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Januar 2018

30 Di
artsprogram
artsprogram Das artsprogram etabliert künstlerische Praxis als Bestandteil von Lehre und Forschung an der ZU. Es lädt Künstler, Studierende, Wissenschaftler und Gäste zu Begegnungen zwischen Gegenwartskunst und Wissenschaften ein.
19.15 – 21.00 Uhr
Friedrichshafen | ZF Campus, Blackbox 1.09
Prof Dr Soeffner | Vortrag
Wir sind nie real gewesen. Wirklichkeit, Gleichnis und Prozess

Krisen der Realität - Eine Ringvorlesung zu Schlüsselwerken der Künste

veranstaltet von Karen van den Berg (Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis) und Jan Söfffner (Lehrstuhl für Kulturtheorie und Kulturanalyse)


Zur Ringvorlesung | Krisen der Realität


Wenn Fakten in der Politik immer weniger Effekte auf die Meinungsbildung und das Wählerverhalten haben, scheint es an der Zeit, von einer Krise des Realen und der Realität zu sprechen. Krisen der Realität sind schon häufig ausgerufen worden – von den Avantgarden der Moderne, von den Existentialisten, von der Postmoderne mit ihren radikalen Konstruktivismen und Dekonstruktionen. Doch waren diese von der jeweiligen Bewegung selbst ausgerufene, in den meisten Fällen sogar gewünschte Krisen: Es waren Krisen, die eher von einer Macht und Dominanz der Realismen ihrer jeweiligen Zeit zeugten und von dem Wunsch, sich von einem Totalitarismus des Realen befreien zu wollen.


Gegenwärtig aber verweisen Theoriedebatten vom New Realism bis zum Spekulativen Realismus sowie ein neuer Realismus und Dokumentarismus in den Künsten auf das Anliegen, das Konzept der Realität zu wahren oder neu beschreiben zu wollen. In Literatur, Film, Theater und in der Bildenden Kunst lässt sich daher derzeit nicht zufällig ein neuer Realismus ausmachen; – ein Realismus, der sich von seinen Vorläufern in vieler Hinsicht unterscheidet. Denn seit von „Post-truth“ die Rede ist und virtuelle Realitäten Teil des Alltags geworden sind, stellt sich die Frage neu, wie sich ein Konzept von Realität gewinnen lässt, das sich als soziales Fundament eignet und nicht beliebig dehnbar ist. Dieses Anliegen hat in Zeiten, in denen mit Fake-News Politik gemacht wird, eine neue Dringlichkeit gewonnen.


Da die Künste seit je her ein ganz eigenes Verhältnis zur Realität pflegten und immer schon auch das Fiktive und Mögliche entwarfen, eignen sie sich in besonderem Maße, unterschiedliche Realitätsbegriffe beobachtbar zu machen. In den Künsten wird nicht nur die Wahrnehmung selbst erfahrbar gemacht, es wird auch auf je eigene Weise das Verhältnis zur Wirklichkeit ausgelotet. Dabei wird eine Abständigkeit zur Welt erfahrbar, es werden Realitätsbrüche spürbar oder durch hyperrealistische Szenarien immersive Intensivierungen der Wirklichkeitserfahrung evoziert.


Mit ihren unterschiedlichen Realismen unterhielten die Künste ehedem ein eigenes Verhältnis zur Realität. Sie scheinen daher in besonderem Maße geeignet, Realitätskrisen beobachtbar, wahrnehmbar und beschreibbar zu machen.


Vor diesem Hintergrund stellen Experten aus Kunst-, Musik-, Film- und Literaturwissenschaft im Rahmen der Ringvorlesung Schlüsselwerke von Künstler|nnen, Schriftsteller|nnen und Filmemacher|nnen vor, die das Realitätsverständnis ihrer Zeit problematisieren.


Zum Vortrag | Jan Söffner: Wir sind nie real gewesen - Wirklichkeit, Gleichnis und Prozess


Der Begriff der Realität ist recht jung. Ziel des Vortrags ist es, alternativen zu ihm zu finden. Dafür sei zunächst auf die Begriffsgeschichte eingegangen, wobei einerseits der enorme Erfolg, andererseits aber auch die Grenzen des Realitätsbegriffs aufgezeigt werden sollen. Der zweite Teil des Vortrags ist Franz Kafka gewidmet, der in einem viel beachteten unbetitelten Fragment („Viele beklagten sich“, einst von Max Brod nach Kafkas Tod mit dem Titel „Von den Gleichnissen“ bedacht), eine Alternative zur Realität ins Spiel bringt, indem er zwei existentielle Grundzustände unterscheidet, nämlich „Im Gleichnis“ und „In Wirklichkeit“. Dieser Alternative widme ich mich zunächst anhand einer Besprechung von Kafkas unvollendetem Roman „Der Process“. Indem die Ergebnisse sodann auf die Ausgangsfrage zurückbezogen werden, soll daraufhin der Versuch gewagt sein, Kafkas Alternative zur Realität auch außerhalb der literarischen Fiktion Plausibilität zu verleihen.

Jan Söffner hat den Lehrstuhl für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin Universität inne. Seine Promotion in Italianistik und seine Habilitation in Romanistik und Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft erwarb er an der Universität zu Köln, wo er von 1999 bis 2007 als Mitarbeiter und Assistent arbeitete. 2008 wechselte er an das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und kehrte 2011 zurück nach Köln an das internationale Kolleg Morphomata (zunächst als Fellow und dann als Mitarbeiter). 2014/2015 vertrat er eine Professur in Romanischer Philologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und war 2016 Lektor und Programmleiter bei dem Verlag Wilhelm Fink in Paderborn.


Veranstaltungsart
Öffentlich
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Wir sind nie real gewesen. Wirklichkeit, Gleichnis und Prozess

event_location

Blackbox 1.09

event_dates
Di, 30.01.2018, 19:15 Uhr - 21:00 Uhr

Krisen der Realität - Eine Ringvorlesung zu Schlüsselwerken der Künste

veranstaltet von Karen van den Berg (Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis) und Jan Söfffner (Lehrstuhl für Kulturtheorie und Kulturanalyse)


Zur Ringvorlesung | Krisen der Realität


Wenn Fakten in der Politik immer weniger Effekte auf die Meinungsbildung und das Wählerverhalten haben, scheint es an der Zeit, von einer Krise des Realen und der Realität zu sprechen. Krisen der Realität sind schon häufig ausgerufen worden – von den Avantgarden der Moderne, von den Existentialisten, von der Postmoderne mit ihren radikalen Konstruktivismen und Dekonstruktionen. Doch waren diese von der jeweiligen Bewegung selbst ausgerufene, in den meisten Fällen sogar gewünschte Krisen: Es waren Krisen, die eher von einer Macht und Dominanz der Realismen ihrer jeweiligen Zeit zeugten und von dem Wunsch, sich von einem Totalitarismus des Realen befreien zu wollen.


Gegenwärtig aber verweisen Theoriedebatten vom New Realism bis zum Spekulativen Realismus sowie ein neuer Realismus und Dokumentarismus in den Künsten auf das Anliegen, das Konzept der Realität zu wahren oder neu beschreiben zu wollen. In Literatur, Film, Theater und in der Bildenden Kunst lässt sich daher derzeit nicht zufällig ein neuer Realismus ausmachen; – ein Realismus, der sich von seinen Vorläufern in vieler Hinsicht unterscheidet. Denn seit von „Post-truth“ die Rede ist und virtuelle Realitäten Teil des Alltags geworden sind, stellt sich die Frage neu, wie sich ein Konzept von Realität gewinnen lässt, das sich als soziales Fundament eignet und nicht beliebig dehnbar ist. Dieses Anliegen hat in Zeiten, in denen mit Fake-News Politik gemacht wird, eine neue Dringlichkeit gewonnen.


Da die Künste seit je her ein ganz eigenes Verhältnis zur Realität pflegten und immer schon auch das Fiktive und Mögliche entwarfen, eignen sie sich in besonderem Maße, unterschiedliche Realitätsbegriffe beobachtbar zu machen. In den Künsten wird nicht nur die Wahrnehmung selbst erfahrbar gemacht, es wird auch auf je eigene Weise das Verhältnis zur Wirklichkeit ausgelotet. Dabei wird eine Abständigkeit zur Welt erfahrbar, es werden Realitätsbrüche spürbar oder durch hyperrealistische Szenarien immersive Intensivierungen der Wirklichkeitserfahrung evoziert.


Mit ihren unterschiedlichen Realismen unterhielten die Künste ehedem ein eigenes Verhältnis zur Realität. Sie scheinen daher in besonderem Maße geeignet, Realitätskrisen beobachtbar, wahrnehmbar und beschreibbar zu machen.


Vor diesem Hintergrund stellen Experten aus Kunst-, Musik-, Film- und Literaturwissenschaft im Rahmen der Ringvorlesung Schlüsselwerke von Künstler|nnen, Schriftsteller|nnen und Filmemacher|nnen vor, die das Realitätsverständnis ihrer Zeit problematisieren.


Zum Vortrag | Jan Söffner: Wir sind nie real gewesen - Wirklichkeit, Gleichnis und Prozess


Der Begriff der Realität ist recht jung. Ziel des Vortrags ist es, alternativen zu ihm zu finden. Dafür sei zunächst auf die Begriffsgeschichte eingegangen, wobei einerseits der enorme Erfolg, andererseits aber auch die Grenzen des Realitätsbegriffs aufgezeigt werden sollen. Der zweite Teil des Vortrags ist Franz Kafka gewidmet, der in einem viel beachteten unbetitelten Fragment („Viele beklagten sich“, einst von Max Brod nach Kafkas Tod mit dem Titel „Von den Gleichnissen“ bedacht), eine Alternative zur Realität ins Spiel bringt, indem er zwei existentielle Grundzustände unterscheidet, nämlich „Im Gleichnis“ und „In Wirklichkeit“. Dieser Alternative widme ich mich zunächst anhand einer Besprechung von Kafkas unvollendetem Roman „Der Process“. Indem die Ergebnisse sodann auf die Ausgangsfrage zurückbezogen werden, soll daraufhin der Versuch gewagt sein, Kafkas Alternative zur Realität auch außerhalb der literarischen Fiktion Plausibilität zu verleihen.

Jan Söffner hat den Lehrstuhl für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin Universität inne. Seine Promotion in Italianistik und seine Habilitation in Romanistik und Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft erwarb er an der Universität zu Köln, wo er von 1999 bis 2007 als Mitarbeiter und Assistent arbeitete. 2008 wechselte er an das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und kehrte 2011 zurück nach Köln an das internationale Kolleg Morphomata (zunächst als Fellow und dann als Mitarbeiter). 2014/2015 vertrat er eine Professur in Romanischer Philologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und war 2016 Lektor und Programmleiter bei dem Verlag Wilhelm Fink in Paderborn.