Julia Sonntag ist das, was man gemeinhin eine treue Seele nennt. Tief verbunden fühlt sie sich nicht nur mit der Bodenseeregion, sondern auch mit den Initiativen und Jobs, in denen sie sich engagiert und tatkräftig einbringt: ob als geschäftsführende Vorstandsvorsitzende beim StudentLounge e.V. an der ZU oder Werkstudentin im Regionalen Innovations- und Technologietransfer Zentrum (RITZ) in Friedrichshafen. Alles, was sie braucht, ist eine Spielwiese, auf der sie sich frei bewegen kann.
Geboren und aufgewachsen in Überlingen, hat Julia Sonntag eine Seekindheit genossen, wie sie es sich selbst nicht besser hätte wünschen können. „Diese schönen Kindheitserinnerungen sind es auch, weshalb ich mein ganzes bisheriges Leben am Bodensee geblieben bin“, nimmt Sonntag vorweg. Ihre Schulzeit dagegen verlief nicht annähernd so hürdenfrei. Erst wechselte sie von der Waldorfschule aufs staatliche Gymnasium, dann blieb sie in der neunten Klasse sitzen – weil sie nicht ins Schema F passen wollte, oder genauer: weil Stillsitzen, Frontalunterricht und Gleichschrittpauken ihr nicht in den Kram passten. „Auch aufgrund meiner extrovertierten Art bin ich sehr oft angeeckt“, so Sonntag.
Um aus dem Schulkonstrukt zu flüchten, verbrachte sie die überwiegende Zeit ihrer Jugend im Tanzstudio – sechsmal die Woche Tanzunterricht war keine Seltenheit. Insgesamt acht Jahre lang war sie auf Tanzmeisterschaften unterwegs und stand mehrmals auf dem Podium; Auftritte mit einer Showtanzgruppe führten sie sogar nach Marokko. „Es war zwar eine unglaublich schöne Zeit, doch wenn man vorne mittanzen möchte, muss man ungemein viel Disziplin und Ehrgeiz an den Tag legen“, bemerkt Sonntag, die bei so gut wie jeder Meisterschaft und Showgruppe das Tanzbein schwang und darüber hinaus die Auftritte mitorganisierte und als Tanzlehrerin zwei Kindergruppen übernahm, „wobei ganz klar im Vordergrund stand, den Kindern eine gute Zeit zu bescheren, sodass sie von sich aus gerne wieder ins Tanzstudio kommen“.
Ein vollkommen anderes Engagement landete mit einem Flyer auf ihrem Klassentisch: Als Schüler:innen für den neu geschaffenen Jugendgemeinderat in Überlingen gesucht wurden. Kaum hatte sie den Flyer in der Hand, schon füllte sie ihn aus, unterschrieb ihn und warf ihn in den Rathausbriefkasten ein. „Mir war sofort klar, dass ich da mitmachen möchte. Denn bereits davor war ich immer neugierig zu erfahren, was in Überlingen politisch passiert“, erläutert Sonntag. Kurz darauf entwarf sie in einer Wahlrede ein Bild von ihren Zielen und davon, was sie in ihrer Heimatstadt bewegen möchte. Als das Wahlergebnis verkündet und sie in den frisch konstituierten Jugendgemeinderat gewählt wurde, war sie überglücklich. „Und weil ich so viele Lernerfahrungen wie möglich sammeln wollte, ließ ich mich – wann immer es möglich war – für die höheren Posten aufstellen“, erwähnt Sonntag, die nach zwei Jahren schließlich das Amt der Vorsitzenden des Jugendgemeinderates bekleidete. „Das größte Learning war es, dass Kommunalpolitik sehr viel Geduld abverlangt. Daher war es wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen und Forderungen konsequent weiter zu verfolgen“, erläutert Sonntag, die als „kleiner Dickkopf“ – wie sie selbst sagt – auch lernen musste, kompromissfähig zu bleiben.
Ein politikwissenschaftliches Studium stand für Julia Sonntag jedoch nicht zur Debatte: „Zu dem Zeitpunkt hat sich Wirtschaft für mich richtig angefühlt; sie sollte die Basis bilden für alles, was kommt.“ Und so machte sie das Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium in Überlingen. Aufgrund seines guten Rufs und seiner engagierten Lehrkräfte kam ihr die Oberstufenzeit regelrecht wie ein schulischer Neustart vor. „Dort habe ich nicht nur den Spaß am Lernen, sondern auch mein Interesse für BWL im Allgemeinen und Internationale Wirtschaft im Speziellen entdeckt“, erklärt Sonntag.
Wie eingangs schon erwähnt, war es ihr wichtig, auch für den Bachelor am Bodensee zu bleiben. Doch nur BWL zu studieren, war ihr nicht genug; individueller und interdisziplinärer sollte das Studium sein. Einen Vertrag für ein duales Studium hatte sie bereits auf ihrem Schreibtisch liegen, da begegnete ihr unversehens der CME-Bachelor an der ZU. „Weil mir einige meiner Lehrkräfte auf dem ersten Gymnasium das Abitur nicht zutrauten, empfand ich den Gedanken an ein Studium an einer Privatuniversität zunächst als abwegig“, berichtet Sonntag. „Erneut sagte mir aber mein Gefühl, dass es richtig ist, sich zu bewerben.“ Umso größer war dann die Freude über die Zusage und noch dazu über ein ZU Stipendium: „Gefreut habe ich mich besonders deshalb, weil das Studium an der ZU nach einem Topf voller Möglichkeiten klang, in dem für jede und jeden etwas dabei ist.“
Bereits nach den ersten Tagen und erstmals überhaupt kam bei ihr das Gefühl auf, in einem Umfeld wirklich angekommen zu sein. „Plötzlich war ich mitten in einem Becken voller Menschen, die alle irgendwie anders waren und spannende Lebensgeschichten zu erzählen hatten“, bemerkt Sonntag. Die ersten Wochen nutzte sie ausgiebig zum Entdecken, was die ZU so alles zu bieten hat. Vielseitige Interessen führten schnell zu vielfältigem Engagement. Kaum ins Studium gestartet, war sie auch schon Eventvorstand beim StudentLounge e.V. und Teammitglied Akquise beim Karriereformat ZUtaten. „Das Engagement in den studentischen Initiativen hat den großen Vorteil, dass man sich nirgends sonst so schnell mit anderen Studierenden vernetzen kann“, erklärt Sonntag.
Auch wenn der geschäftsführende Vorstandsvorsitz beim StudentLounge e.V. und die damit verbundenen Aufgaben eine Black Box waren, scheute sich Julia Sonntag nicht davor zurück, für das Amt zu kandidieren. Mit Erfolg: Seit mehr als zwei Jahren ist sie nun schon für die juristische Person verantwortlich, das heißt penibel darauf zu achten, jegliche vom Staat vorgegebene Richtlinie zu beachten – was zu der einen oder anderen durchwachten Nacht führte, in denen sie sich mit vereins- und vertragsrechtlichen Themen herumschlagen musste. Im Sommer soll nun Schluss sein: Ein viertes Mal möchte sie nicht kandidieren, sich stattdessen auf die anstehende Bachelorarbeit konzentrieren.
„Nach den Pflichtkursen im dritten und vierten Semester ist mir klar geworden, dass mich die reinen Wirtschaftskurse nicht erfüllen“, erzählt Sonntag. „Dagegen habe ich mich in der Teamarbeit wieder und wieder gefragt, warum wer wie handelt. Um diese Verhaltensweisen zu verstehen, habe ich ab dem fünften Semester jeden an der ZU angebotenen Psychologiekurs besucht.“ Dabei haben sie besonders Kurse zu Unternehmens- und Wirtschaftsethik begeistert: „Denn gerade in der modernen Führung ist es das A und O, auf das Denken, Fühlen und Handeln der Beschäftigten einzugehen.“ Mit der Frage, wann genau bei Menschen die moralischen Prinzipien einknicken und welche Mechanismen zu unethischem Verhalten führen, beschäftigt sie sich sowohl in ihrem Humboldt-Projekt als auch in ihrer Bachelorarbeit. Dabei ist schnell die Rede von Begriffen wie moralische Entkopplung, Leistungsdruck oder Selbstregulierung.
Apropos Selbstregulierung: Julia Sonntag wäre nicht Julia Sonntag, wenn es neben dem Studium nicht doch noch etwas gäbe, das ihren Wochenplan weiter ausfüllt. Seit ihrem ersten Semester arbeitet sie als Werkstudentin Marketing, Kommunikation und Event im RITZ in Friedrichshafen. „Was mich am Marketing besonders reizt, ist das freie kreative Tun, wenn es etwa darum geht, Designarbeiten zu realisieren“, bemerkt Sonntag. Schnell wurde ihr viel Vertrauen geschenkt, was sie wiederum bestärkt hat. Und so sitzt sie derzeit auch mal in Meetings, in denen strategische Überlegungen und Entscheidungen getroffen werden. „Dass ich seit vier Jahren dort tätig bin, hat viel mit einem perfekt ineinandergreifenden Team, aber auch viel mit einer stetigen Lernkurve zu tun“, begründet Sonntag.
Und auch am Wochenende wird selten geruht. Seit acht Jahren arbeitet sie nebenher in der Gastronomie des Haustierhofs Reutemühle in Überlingen. „Dieser Job ist eine weitere Herzensangelegenheit, quasi mein kleines Paradies. Denn auch hier begegne ich den unterschiedlichsten Menschen, was jedes Mal aufs Neue bereichernd ist“, so Sonntag. Hinzu kommt die Liebe für Tiere und die Faszination für Landwirtschaft sowie das leidenschaftliche Interesse daran, was auf einem Hof wächst und gedeiht und wie das Ganze überhaupt funktioniert.
Ihr weiterer Weg soll darauf hinauslaufen, später einmal in einer Führungsposition zu arbeiten. „Und das aber nicht, um mich wichtig zu fühlen, sondern um andere zu inspirieren und zu motivieren und gemeinsam mit ihnen Dinge zu bewegen und zu verändern.“ Wohin es sie für den Master verschlägt, ist dagegen noch völlig offen. Eines aber scheint sicher: Stillstand wird es bei ihr nicht geben.



