Global Talk mit Andreas Kruse
Wie Jung und Alt zusammenkommen
Text: Charlotte Heinz | Fotos: Marie-Christine Zundel
03.08.2026
Life
Bei einem Global Talk spricht Gerontologe Andreas Kruse über den Generationenkonflikt und wiewir uns besser verstehen können.
Bei einem Global Talk spricht Gerontologe Andreas Kruse über den Generationenkonflikt und wiewir uns besser verstehen können.
© Marie-Christine Zundel
Global Talk mit Andreas Kruse

Wie Jung und Alt zusammenkommen

Text: Charlotte Heinz | Fotos: Marie-Christine Zundel
03.08.2026
Life

Wie lässt sich der demografische Wandel gestalten, ohne Jung und Alt gegeneinander auszuspielen? Bei einem Global Talk des Club of International Politics e.V. erklärt Gerontologe Andreas Kruse, wie der Generationenkonflikt abgebaut und die Gesellschaft durch Begegnung und Zusammenarbeit gestärkt werden kann. Was das konkret heißt, zeigt sich an diesem Abend ganz nebenbei – nämlich auf der Bühne selbst.

Die Menschen leben länger, geburtenstarke Jahrgänge gehen in Rente, weniger Jüngere kommen nach. Für Professor Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse ist der demografische Wandel nichts Abstraktes, sondern ein Handlungsauftrag. Als einer der prägendsten Gerontologen Deutschlands betrachtet er das Altern aus verschiedenen Perspektiven. Die Gerontologie verbinde als Wissenschaft vom Altern Medizin, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und Politik. Entscheidend sei, Alter nicht nur mit Krankheit und Belastung zu verbinden, sondern auch mit Entwicklung, Erfahrung und gesellschaftlicher Teilhabe.


„Wenn junge und alte Generationen zusammenkommen und gemeinsam ein Projekt machen, haben wir keinen Generationenkonflikt“, sagt Kruse, der sich bereits seit den 1980er Jahren mit dem Thema intensiv beschäftigt. In der Politik werde der Streit zwischen Jung und Alt oft groß geredet. Wo Menschen unterschiedlichen Alters aber tatsächlich miteinander arbeiten, löse sich das vermeintliche Gegeneinander meist von selbst auf. Entscheidend sei nicht, dass beide Seiten übereinander reden, sondern dass sie zur Zusammenarbeit kommen.

Generationen müssen nicht übereinander diskutieren oder gegeneinander antreten...
Generationen müssen nicht übereinander diskutieren oder gegeneinander antreten...
© Marie-Christine Zundel

Generationen müssen wieder mehr miteinander sprechen und zusammenarbeiten

Besonders deutlich wird das beim Thema Arbeitswelt. Unternehmen hätten ältere Beschäftigte lange frühzeitig verabschiedet, obwohl ihr Wissen weiterhin gebraucht werde. Kruse plädiert deshalb für eine Weiterbildung bis ins höhere Alter und für Teams, in denen verschiedene Generationen zusammenarbeiten. Jüngere brächten spontane Kreativität und neue Ideen ein, Ältere umfangreiches Wissen und Erfahrungen, so Kruse. Wenn beide Seiten zusammentreffen, könne daraus ein erheblicher Gewinn entstehen – ökonomisch wie menschlich.


Und genau das wird an diesem Abend im Alfred Colsman Forum sichtbar. ZU-Student und Moderator Yannick Wölfel stellt Andreas Kruse eine ausführliche Frage dazu, wie Erfahrungen älterer Menschen helfen könnten, Populismus, Geschichtsvergessenheit und Extremismus entgegenzutreten. Kurz bevor Kruse antwortet, hält er inne: „Also ich finde das wirklich unglaublich, wie Sie sich da vorbereitet haben. Ein großes Lob.“ Nicht nur Wölfel lacht, sondern auch die Zuschauerinnen und Zuhörer im Saal.


Auf der Bühne begegnen sich ein deutlich jüngerer, interessierter Student und ein Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung auf Augenhöhe. Wölfel hört Kruse zu, führt sicher durch die vielen Themen und stellt pointiert kritische Nachfragen, etwa zu Rente, politischer Repräsentation und den Folgen der Coronapandemie. Kruse weicht nicht aus, widerspricht auch mal und denkt laut vor dem Publikum weiter. Das Gespräch macht sichtbar, worüber Kruse zuvor gesprochen hat: Generationen müssen nicht übereinander diskutieren oder gegeneinander antreten; sie können miteinander sprechen und gemeinsam weiterdenken.

Was die Coronapandemie mit der jungen Generation gemacht hat

Das zeigt sich auch dort, wo mögliche Konfliktpunkte bestehen. Wölfel fragt, ob junge Menschen während der Coronapandemie ungerecht behandelt worden seien und ob darin womöglich eine Gefahr für die Demokratie liege. Kruse, der von 2016 bis 2022 im Deutschen Ethikrat saß und dort über Fragen wie die Impfpflicht mitberaten hat, antwortet mit einem doppelten Ja.


Die Bedürfnisse junger Menschen seien nicht ausreichend berücksichtigt worden. Schule, Freundschaften und das gemeinsame Ausprobieren seien für die Identitätsentwicklung zentral. Die Folgen wirkten bis heute nach: Soziale Isolation sei unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark gestiegen und nach der Coronapandemie nicht einfach wieder verschwunden. Politik müsse deshalb näher an die Menschen heran, sich stärker in Kommunen und Landkreisen bewegen und unterschiedliche Generationen stärker einbeziehen – statt Entscheidungen aus der Distanz zu treffen.

...Generationen können miteinander sprechen und gemeinsam weiterdenken.
...Generationen können miteinander sprechen und gemeinsam weiterdenken.
© Marie-Christine Zundel

Es braucht Selbstverantwortung und zugleich Verantwortung für das Gemeinwohl

Als Kruse zum Thema Glaube kommt, wird seine Stimme leiser und bedächtiger. „Der Mensch ist ein Sorgender“, sagt er. Ein gutes Altern bedeute für ihn auch, weiterhin gebraucht zu werden und für andere etwas tun zu können. Bei seinem Appell an die junge Generation wird er dagegen lauter und bestimmter. Kruse erzählt von Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden, die ihre Erfahrungen an junge Menschen weitergeben wollten. Junge Leute sollten für ihre Identität und Selbstverantwortung kämpfen, dabei aber die Verantwortung für andere und das Gemeinwohl nicht vergessen. Antisemitismus, Faschismus und Menschenverachtung dürften nicht zurückkehren. Ein Student kommt in der Fragerunde auf den Altersdurchschnitt im Bundestag zu sprechen. Eine feste Altersquote lehnt Kruse ab: Wer mehr junge Abgeordnete wolle, müsse junge Menschen ermutigen, sich einzumischen, in Parteien einzutreten und selbst zu kandidieren.


Am Ende bleibt vom Abend vor allem ein Bild hängen: zwei Menschen mit mehreren Jahrzehnten Altersunterschied, die einander zuhören und sichtbar Spaß am Austausch haben.

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