
Ferhat Cicek ist von seinem Wesen her jemand, der jederzeit bereit ist, noch Unbekanntes zu entdecken, sich für Werte einzusetzen und in neue Rollen und Aufgaben hineinzuwachsen. Hinzu gesellt sich an der ZU ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig unterstützt, voneinander lernt und untereinander motiviert. Beides im Gepäck, ging es für ihn vom Bodensee in die weite Welt – zu Praktika und Studienaufenthalten nach Singapur, Doha, Istanbul, New York und Washington, D.C.
Ferhat Cicek ist einen Steinwurf entfernt von den beiden ZU-Standorten geboren und aufgewachsen – von seinem kurdischen Elternhaus in Markdorf sind es lediglich knapp zehn Kilometer bis zum ZF Campus der ZU im Fallenbrunnen. „Unsere Eltern haben mich und meine drei Geschwister fortwährend dazu ermuntert, die sich in Deutschland eröffnenden Bildungschancen zu ergreifen“, sagt Cicek. „Sie waren es auch, die es mir – trotz Empfehlung für die Realschule –ermöglichten, auf das Gymnasium zu gehen, weil sie fest an mich und mein Potenzial glaubten.“
Um nachzuvollziehen, warum sich bei Ferhat Cicek ein Interesse an internationalen Beziehungen und internationalem Recht überhaupt erst entwickelte, muss die jüngere Familiengeschichte herangezogen werden. Als einzige in der gesamten Verwandtschaft waren in den 1990er Jahren seine Eltern vom Südosten der Türkei nach Deutschland geflohen. „Ich kann mich noch gut an einen Verwandtschaftsbesuch in der Türkei erinnern. Ich war gerade einmal elf Jahre alt gewesen, als die Kämpfe zwischen der türkischen Armee und kurdischen Milizen eskalierten. Der Konflikt erschütterte meine Familie sehr, vor allem, weil im Zuge dessen große Teile unserer Heimatstadt dem Erdboden gleichgemacht wurden“, erzählt Cicek. „Seitdem hat sich in meinem Kopf festgesetzt, dass ich nicht in einer Welt leben möchte, in der Kinder zu Leidtragenden von Kriegen und Konflikten werden.“
Nicht viel später suchte Ferhat Cicek gezielt nach Projekten und Initiativen, die jungen Menschen das Völkerrecht und die Menschenrechte näherbringen – um sich dort zu engagieren. Kurz darauf war er Mitglied im Organisationsteam des Deutsche Model United Nations (DMUN) e.V. und mitverantwortlich für den reibungslosen Ablauf mehrerer großer MUN-Konferenzen in Stuttgart und Kiel mit jeweils mehr als 300 teilnehmenden Schüler:innen. „Als Gremienberater habe ich dabei auch die Delegierten darin unterstützt, wie sie sich in einer Debatte positionieren können, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen“, ergänzt Cicek, der im vergangenen Jahr den Verein bei der United Nations Commission for Social Development (CsocD) in New York und beim World Social Summit in Doha repräsentieren durfte. „Besonders spannend war es, in Side Events mit echten Vertreter:innen von NGOs, Hilfsorganisationen und Staaten aufeinanderzutreffen und dabei mehr über deren Sichtweisen auf soziale Entwicklungen in der Welt zu erfahren“, berichtet Cicek.
Bereits vor dem Abitur lernte Ferhat Cicek die ZU von innen kennen. Als er in den Sommerferien die Schülerakademie besuchte und dabei einen Kurs zur Frage „Der Rechtsstaat. Ergänzung oder Hindernis der Politik?“ belegte. „Letztlich waren es aber nicht allein die intensiven Diskussionen in kleinen Gruppen, die mich überzeugten, sondern auch die familiäre Atmosphäre und das interdisziplinäre Lernumfeld“, erklärt Cicek. Letzterer Grund war entscheidend, als er sich für den PAIR-Bachelor entschied, der Politik, Internationale Beziehungen und Verwaltung in einem Studiengang vereint. „Für mich bedeutet das PAIR-Studium weiterhin einen wichtigen Schritt auf dem Weg, um mich zukünftig für das Völkerrecht und die Menschenrechte einzusetzen“, erläutert Cicek.
Dass sein Blick von Anfang an nicht nur auf das Studium gerichtet war, sondern auch auf die studentischen Initiativen: Davon zeugt bereits sein Motivationsschreiben, in dem er den Wunsch äußert, einen aktiven Part beim Club of International Politics (CIP) e.V. einzunehmen. Kaum ins Studium gestartet, ließ er sich auch schon für den Vorstand aufstellen. Nach der erfolgreichen Wahl zum Vorstandsmitglied begann seine erste Amtszeit im zweiten Semester, ein Jahr später wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. „Zu den ersten Aufgaben des Vorstands gehört es, Persönlichkeiten aus Politik und Diplomatie anzufragen und für einen Talk an die Universität einzuladen“, erwähnt Cicek. Er selbst nutzte dabei seinen persönlichen Kontakt zum US-Generalkonsulat Düsseldorf, in dem er ein handelspolitisches Vorpraktikum absolvierte. „Und so durfte ich nur wenige Wochen später eine Diskussion mit dem damaligen Frankfurter US-Generalkonsul Norman Thatcher Scharpf an der ZU moderieren“, erinnert sich Cicek. Weitere inspirierende Begegnungen und Gespräche folgten, als einige CIP-Mitglieder nach München und Berlin reisten, um mit Politiker:innen und Diplomat:innen zusammenzutreffen – darunter waren auch Treffen in der türkischen und in der US-Botschaft in der Bundeshauptstadt.
In die alte Bundeshauptstadt Bonn dagegen führte ihn ein Praktikum im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). „Das Praktikum war sehr herausfordernd, weil ich vorwiegend mit Verfahren der finanziellen und technischen Zusammenarbeit zu tun hatte, aber auch mit praxisnahen Themen wie dem Abschluss eines völkerrechtlichen Vertrages zwischen Deutschland und dem Irak“, führt Cicek aus. Im Sommer darauf ging es für ein Praktikum nach Singapur im Regionalprogramm Politikdialog Asien der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Dort durfte ich Berichte für die deutsche Öffentlichkeit über wirtschafts- und sicherheitspolitische Entwicklungen in Südostasien schreiben, etwa über die Verhältnisse in Myanmar oder das Vorgehen Chinas im Südchinesischen Meer“, erläutert Cicek. Nächste Praxisstation war die Delegation der Deutschen Wirtschaft in Washington, D.C. – diesmal aber in Teilzeit, weil das Praktikum verpflichtender Teil eines Auslandssemesters an der dort ansässigen American University ist. „Das war das bislang spannendste Praktikum, weil die Delegation kleine und mittelständische deutsche Unternehmen in der Metropolregion Washington unterstützt, durch das rund 70 Prozent des weltweiten Internet- und Datenverkehrs geleitet und in riesigen Rechenzentren verarbeitet werden“, so Cicek.
Was auffällt, ist, dass in seinen Praktika neben der Politik vor allem die Wirtschaft eine zentrale Rolle einnimmt: „Früh ist mir klar geworden, dass die Wirtschaft ein zentraler Hebel ist, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern oder die von den Vereinten Nationen formulierten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, ohne dabei Mensch und Natur auszubeuten.“
Auch in seinem PAIR-Studium rückte mit fortschreitender Dauer die Wirtschaftspolitik in seinen Fokus, insbesondere die Finanzwelt. Die Sinne geschärft, begegnete ihm in seinem Auslandssemester ein Thema, dessen Ausmaß ihm zuvor so nicht bewusst war. „Denn anders als in vielen Ländern spielen in den USA Prognosemärkte eine bedeutende Rolle. Gerade das Thema Insiderhandel auf diesen Plattformen wurde in Washington, D.C. heiß diskutiert. So hat in der Vergangenheit etwa Armeepersonal Informationen über militärische Operationen genutzt, um Wetten auf das Eintreten von geopolitischen Ereignissen abzuschließen und daraus Gewinn zu ziehen“, erklärt Cicek. Wie gut Prognosemärkte geopolitische Ereignisse vorhersagen und inwiefern Prognosemärkte die nationale Sicherheit eines Staates gefährden: Das sind Fragen, denen er in seinem Humboldt-Projekt und wahrscheinlich auch in seiner Bachelorarbeit auf den Grund gehen möchte.
Mittlerweile und damit mitten im Humboldt-Projekt lebt und arbeitet Ferhat Cicek wieder in Singapur. Aktuell macht er dort ein Praktikum im Corporate Banking Team der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) für den Asien-Pazifik Raum. „Es ist zwar nicht optimal, dass sich Praktikum und Herbstsemester überschneiden. Erfreulicherweise jedoch ist die ZU flexibel und bietet die Möglichkeit, vom Ausland aus an hybriden Kursen teilzunehmen“, erklärt Cicek – und fügt hinzu: „Wie schon die vergangenen Semester, so wird auch diese Zeit mich wieder vor viele Aufgaben und Herausforderungen stellen, an denen ich aber weiter wachsen möchte.“



