
Für Helena Waldhier gehört es einfach zum Leben dazu, Dinge nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern auch verändern zu wollen. Lange Zeit sah sie im Management die Möglichkeit, bestehende Systeme neu zu denken. Doch mitten im Bachelorstudium angekommen, hat sich ihre Sichtweise inzwischen geändert. Mehr denn je ist sie nun davon überzeugt, dass es mehrere Perspektiven braucht, um tiefgreifende Probleme und Herausforderungen anzugehen und zu bewältigen.
Das am Rande des Nordschwarzwalds landschaftlich schön gelegene Pforzheim war und ist immer auch Heimat gewesen von Menschen, die schöne Dinge herstellen. Aufgrund der weit zurückreichenden Geschichte in der Schmuck- und Uhrenindustrie trägt die Stadt nicht umsonst den Beinamen „Goldstadt“. Eines der traditionsreichen Schmuckunternehmen ist die August Gerstner Ringfabrik, die seit mehr als 160 Jahren in der Familie von Helena Waldhier ist. „Mittlerweile sind Familienmitglieder in der sechsten Generation in dem Unternehmen beschäftigt. Während meine Tante und mein Onkel sich die Geschäftsleitung teilen, ist meine Mutter Prokuristin und Head of Design“, benennt Waldhier. Auf Familienfeiern war und ist das Familienunternehmen Thema Nummer eins. „Dabei blitzte immer mal wieder auf, wie viel Verantwortung mit dem Familienunternehmen einhergeht“, bemerkt Waldhier, die bereits als Jugendliche bei der Inventur aushelfen durfte.
Um einen ersten Überblick über die betrieblichen Abläufe im Familienunternehmen – vom Design über die Produktion bis hin zur Distribution – zu gewinnen, absolvierte sie dort unmittelbar nach dem Abitur ein Praktikum. „Dabei gewann ich auch den Eindruck, dass das Management etwas für mich sein kann. Denn mit einem Blick von oben habe ich die Prozesse in den einzelnen Abteilungen nicht nur beobachtet, sondern auch kritisch hinterfragt“, erzählt Waldhier. Das Jahr zwischen Schule und Universität nutzte sie für weitere praktische Erfahrungen: Einerseits übernahm sie bei einem anderen ortsansässigen Familienunternehmen ziemlich schnell viel Verantwortung im Personalwesen; andererseits unterstützt sie bis heute ihre Mutter in deren eigener Schmuckmanufaktur, indem sie im Marketing und in der Öffentlichkeitsarbeit mitarbeitet oder auf Messen Kundengespräche führt.
Naheliegend, dass es zunächst auf ein Wirtschaftsstudium hinauslief – auch wenn ab und zu einzelne Gedanken an Medizin, Psychologie oder Soziologie aufkamen. In einem Gespräch mit einer Freundin ihrer Mutter erfuhr sie dann erstmals von der ZU. „Noch hatte ich die typischen Vorurteile gegenüber einer Privatuniversität, die sich aber schon nach einem ersten Blick auf die Studieninhalte etwas zerstreuten“, gesteht Waldhier. Und im gleichen Atemzug räumt sie ein, dass sie anfangs noch nicht mutig genug war, ein breitgefächertes Studium zu wählen. Dass sie auf Nummer sicher gehen wollte und so mit dem auf Wirtschaftswissenschaften fokussierten CME-Bachelor startete. „Eigentlich war mir aber immer bewusst, dass ich nicht allein die Wirtschaft verstehen möchte, sondern auch die Gesellschaft und die Systeme dahinter“, erklärt Waldhier. Die bereits beim Auswahlgespräch aufkommenden Zweifel verstärkten sich über die ersten beiden Semester hinweg, sodass sie nach dem Zeppelin-Jahr umschwenkte und in den interdisziplinären SPE-Bachelor wechselte.
„Es hat auch damit zu tun, dass ich mich für viele Dinge begeistern kann und daher im Bachelorstudium so viele verschiedene Kurse wie nur möglich wählen wollte“, erläutert Waldhier. Spätestens nach ihrem nun anstehenden Auslandssemester an der University of California, Berkeley, muss sie jedoch ihren Fokus auf ein Thema richten – bleiben danach doch lediglich zwei Semester, wobei in letzterem die Bachelorarbeit geschrieben werden muss. „Besonders gefallen hat mir ein Kurs über Corporate Social Responsibility and Leadership von Dr. Jessica Schwengber, in dem es unter anderem darum ging, warum es überhaupt noch Unternehmen gibt, die rein nach Profitmaximierung streben und alle anderen Ebenen der Gesellschaft vernachlässigen. Gut möglich also, dass sich das Thema auch in meiner Abschlussarbeit wiederfindet“, berichtet Waldhier. Ihre Leidenschaft für Zahlen wiederum brachte sie als studentische Lehrperson auf die andere Seite des Seminarraums. In ihrem zweiten Semester leitete sie ein Tutorium in Mathematik, in ihrem fünften Semester ein Tutorium in Makroökonomie. „Mein Anspruch war es, den mathematischen Teil so logisch und verständlich darzustellen, dass alle Kommilitoninnen und Kommilitonen dem Stoff folgen können und so ihre Angst vor der Mathematik zumindest ein Stück weit ablegen“, erläutert Waldhier.
Was sie neben den kleinen Seminargrößen und lebhaften Diskussionen an der ZU besonders schätzt, ist die Vielzahl an studentischen Initiativen: „Und kaum hatten sie sich uns Erstsemestern vorgestellt, war ich auch schon am Überlegen, welche Initiativen am besten zu mir passen und in welchen ich mich engagieren kann.“ So war sie im Marketingteam der Initiative „Startup Village by Tatendrang“ aktiv oder unterstützt aktuell als Head of Finance die „Zeppelin MUN Society“. Darüber hinaus übernahm sie im vergangenen Jahr gemeinsam mit Lisa Montigel die Gesamtleitung der komplett studentisch organisierten Sommerparty. „Uns Studierenden war es enorm wichtig, ein Fest auf die Beine zu stellen, bei dem die gesamte Universitätsgemeinschaft wie auch Bürger:innen aus der Region zusammenkommen“, erklärt Waldhier. „Und trotz kurzer Vorbereitungszeit und knappem Budget ist uns und unserem Team ein tolles Event gelungen.“
Direkt nach Studienbeginn wirkte Helena Waldhier auch bei gemeinsam von Studierenden und dem DRK organisierten Blutspendeaktionen mit. Was inzwischen aber wieder fehlte, war eine studentische Initiative, die unter anderem die medizinische Absicherung bei Universitätsveranstaltungen stellt und Erste-Hilfe-Workshops durchführt. Und so reanimierte sie zusammen mit ihrem Kommilitonen Adrian Pietzcker die Initiative „ZU First Aid“. „Als Nächstes sind Erste-Hilfe-Kurse für Bürger:innen geplant, um die Verbindung zwischen Universität und Stadt weiter zu stärken“, verrät Waldhier.
Das Interesse am Katastrophenschutz und Rettungsdienst entwickelte sich bei Helena Waldhier vor dem Abitur. Seit 2021 ist sie aktives ehrenamtliches Mitglied im DRK Ortsverein Tiefenbronn und bringt sich dort in verschiedenen Bereichen ein. Aktuell ist sie als Rettungshelferin für die Johanniter-Unfall-Hilfe in Friedrichshafen und darüber auch auf dem Southside Festival in Neuhausen ob Eck im Einsatz – bald sogar als Rettungssanitäterin: Die Ausbildung steht kurz vor dem Abschluss. „Der Gedanke an ein Medizinstudium verfolgt mich bis heute. Obwohl ich weiterhin der Meinung bin, dass es als Ärztin fast unmöglich ist, am kränkelnden System dahinter etwas zu verändern“, sagt Waldhier.
Engagiert war Helena Waldhier schon zu Schulzeiten, auch wenn eines ihrer Hauptaugenmerke noch auf einem anderen Gebiet lag: dem der Musik. „Unser Familienleben ist ohne Musik undenkbar: Nahezu alle Familienmitglieder spielen irgendein Musikinstrument oder sogar mehrere“, betont Waldhier. Sie erinnert sich gut daran, wie sie als Kind mit ihrem Großvater einige Weihnachtsfeste musikalisch begleitete – „er am Klavier, ich an der Geige“. So entschied sie sich für ein Gymnasium, auf dem Musik eine tragende Rolle spielt. Dort wählte sie Musik als eines ihrer Abiturfächer und engagierte sich unter anderem im Schulorchester. Und noch heute kehrt sie regelmäßig in ihre Heimatstadt zurück, um im Orchester der Hochschule Pforzheim mitzuspielen. „Die Musik ist für mich Rückzugsort und Ruhepol, einfach ein wunderbarer Ausgleich neben dem ganzen Alltagstrubel.“
Lange Zeit war Helena Waldhier zusätzlich in der Schülermitverantwortung und als Schülersprecherin aktiv. Obwohl sie nach ihrem Auslandssemester in den USA nur noch ein Studienjahr an der ZU verbringt, ist es für sie keineswegs abwegig, noch einmal in der Hochschulpolitik in Aktion zu treten. „Ob von der Schule oder von der Universität: Wenn ich von einem Ort und Konzept überzeugt bin und sich mir zum richtigen Zeitpunkt die Gelegenheit bietet, Entwicklungen mitzugestalten, dann muss ich nicht lange überlegen“, so Waldhier. Und sie setzt hinzu: „Mittlerweile habe ich meine Vorurteile gegenüber der ZU als Privatuniversität vollkommen abgelegt und hoffe, dass viel mehr interdisziplinär denkende und handelnde junge Menschen die Möglichkeit wahrnehmen, hier zu studieren und diesen einzigartigen Studienort mit ihrer Persönlichkeit zu prägen.“



