Drei Fragen an Simon Koschut
Sicherheit. Europa. Verantwortung.
Interview: Andrea Pletz | Foto: ZU/Samuel Groesch
21.09.2026
Science
ZU-Professor Simon Koschut
ZU-Professor Simon Koschut
© ZU/Samuel Groesch
Drei Fragen an Simon Koschut

Sicherheit. Europa. Verantwortung.

Interview: Andrea Pletz | Foto: ZU/Samuel Groesch
21.09.2026
Science

Wie sich Europas Sicherheitsordnung verändert, welche Rolle das transatlantische Verhältnis dabei spielt und welche Verantwortung Wissenschaft und Hochschulen in einer neuen Sicherheitslage tragen: Professor Dr. Simon Koschut, Vizepräsident für Forschung und Inhaber des ZEPPELIN-Lehrstuhls für Internationale Sicherheitspolitik, im Gespräch.

Herr Professor Koschut, seit einigen Jahren ist in Deutschland von einer sicherheitspolitischen Zeitenwende die Rede. Was hat sich tatsächlich grundlegend verändert – und wo greift der Begriff aus wissenschaftlicher Sicht vielleicht zu kurz?


Professor Dr. Simon Koschut: Die Zeitenwende beschreibt zunächst eine sehr reale Veränderung: Sicherheit und Verteidigung sind in Deutschland und Europa wieder sehr viel stärker ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit gerückt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Gewissheiten erschüttert, auf denen die europäische Sicherheitsordnung über Jahrzehnte aufgebaut war. Fragen militärischer Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit und strategischer Abhängigkeiten haben dadurch erheblich an Bedeutung gewonnen.


Der Begriff hat allerdings auch eine analytische Grenze: Er suggeriert einen klaren historischen Bruch. Viele Entwicklungen, die unsere heutige Sicherheitsordnung prägen – die Erosion der multilateralen Ordnung, der Aufstieg Chinas, die strategische Neuorientierung der USA oder die sicherheitspolitische Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten –, haben lange vor 2022 begonnen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sie verdichtet, beschleunigt und sichtbar gemacht, aber nicht allein verursacht.


Aus wissenschaftlicher Sicht greift es deshalb zu kurz, Zeitenwende allein als Rückkehr klassischer militärischer Sicherheitspolitik zu verstehen. Zwischenstaatliche Rivalitäten verschärfen sich, technologische Entwicklungen verändern Machtverhältnisse und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden sicherheitspolitisch relevant. Sicherheit entsteht heute im Zusammenspiel politischer, militärischer, wirtschaftlicher, technologischer und gesellschaftlicher Faktoren. Die Herausforderung besteht darin, diese Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten und neu darüber nachzudenken, was Sicherheit unter veränderten internationalen Bedingungen bedeutet.


Europas Sicherheitsordnung steht unter Druck – durch Russlands Krieg, globale Machtverschiebungen und ein transatlantisches Verhältnis im Wandel. Welche Entwicklungen werden Europas Sicherheit in den kommenden Jahren besonders prägen – und wo liegen die größten blinden Flecken?


Koschut: Eine zentrale Herausforderung wird darin bestehen, Sicherheit stärker als vernetztes Phänomen zu begreifen. Militärische Fähigkeiten bleiben zentral, aber Sicherheit entscheidet sich längst nicht mehr ausschließlich auf diesem Feld. Cyberangriffe, kritische Infrastruktur, technologische Abhängigkeiten, Energieversorgung oder der Zugang zu strategischen Ressourcen beeinflussen ebenfalls die Handlungsfähigkeit von Staaten und Gesellschaften.


 Europas Sicherheit bleibt dabei transatlantisch verankert. Zugleich verschieben sich die Prioritäten der USA und die Erwartungen an Europas Beitrag. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: mehr Europa oder mehr NATO? Entscheidend ist vielmehr, wie größere europäische politische, militärische und technologische Handlungsfähigkeit dazu beitragen kann, das Bündnis ausgewogener und dauerhaft tragfähig zu machen.


Ein möglicher blinder Fleck liegt zudem in der gesellschaftlichen Dimension von Sicherheit. Sicherheitsordnungen beruhen nicht nur auf Institutionen und materiellen Fähigkeiten, sondern auch auf Vertrauen, gemeinsamen Erwartungen und der Bereitschaft zur Kooperation. Politischer Zusammenhalt und gesellschaftliche Resilienz werden deshalb ebenso wichtig wie militärische Fähigkeiten. Gerade in Zeiten hybrider Kriegsführung mithilfe von Desinformation und Geheimdienstoperationen spielen auch Wahrnehmungen und Emotionen eine stärkere Rolle: Sie können politische Gemeinschaften stabilisieren, aber ebenso Polarisierung und Konflikte verstärken.


Beim Defence Summit an der Zeppelin Universität treffen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Bundeswehr und Gesellschaft aufeinander. Welche Verantwortung haben Wissenschaft und Hochschulen in der neuen Sicherheitslage – in Forschung, Lehre und öffentlicher Debatte?


Koschut: Wissenschaft kann politische Entscheidungen nicht ersetzen, aber ihre Grundlagen verbessern: Sie kann Evidenz bereitstellen, Unsicherheiten transparent machen, Zielkonflikte benennen und vermeintliche Gewissheiten überprüfen. Gerade bei Fragen von Sicherheit und Verteidigung ist das wichtig, weil Entscheidungen häufig unter hohem Zeitdruck, großer Unsicherheit und konkurrierenden Interessen getroffen werden.


Hochschulen leisten dabei mehr als Debattenmoderation. In der Forschung erzeugen sie Wissen über Konflikte, Resilienz, technologische Entwicklungen und gesellschaftlichen Zusammenhalt. In der Lehre vermitteln sie fachliche Kompetenz, Urteilsfähigkeit und einen verantwortlichen Umgang mit Unsicherheit. Und im Transfer übersetzen sie zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Institutionen und gesellschaftlichen Perspektiven.


Gerade sicherheitsrelevante Forschung stellt Hochschulen zugleich vor besondere Verantwortung. Sie müssen wissenschaftliche Offenheit und Freiheit mit Forschungssicherheit, ethischer Reflexion und einem verantwortlichen Umgang mit Dual-Use-Wissen verbinden. Diese Spannungsfelder lassen sich nicht durch einfache Regeln auflösen, sondern erfordern eine kontinuierliche wissenschaftliche, ethische und institutionelle Auseinandersetzung.


Der Defence Summit kann ein Ort für genau diese Auseinandersetzung sein: nicht um Konsens zu inszenieren oder Universität auf die Rolle einer Interessenplattform zu reduzieren, sondern um unterschiedliche Logiken und Perspektiven zusammenzubringen, Unsicherheiten sichtbar zu machen und Annahmen einer wissenschaftlichen Prüfung auszusetzen.

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