16.06.2020

Tipps für digitale Planspiele

Im Februar erreichte uns eine Anfrage eines Dozenten der Zeppelin Universität. Diese Anfrage einer Neuentwicklung für ein Planspiel in der Vorlesung Corporate Responsibility and Compliance für das Stakeholder Modell wurde von uns gerne angenommen, zumal wir im Team besprochen hatten, dass es mein Erstprojekt als neue Assistentin am Planspiellabor werden sollte. So entwickelte ich also voller Elan ein erstes Konzept und stellte es auch bei einem persönlichen Termin dem Dozenten vor. Erfreulicherweise hat sich bei diesem Treffen herauskristallisiert, dass das Planspiel auch bei einer anderen Dozentin in ihrem Kurs angewendet werden soll.
Wenige Tage später dann die schockierende Nachricht: Die Präsenzlehre wurde eingestellt und alles wird digital umgesetzt. Für mich bedeute dies, dass die beiden Planspiele bestimmt abgesagt werden müssen. Aber ich gab den beiden Dozierenden dennoch mit auf den Weg, dass ich sie weiterhin gerne unterstütze und bereit wäre, das Planspiel digital zu planen – ohne dass ich zu diesem Zeitpunkt genau wusste, wie das ablaufen könnte. Erfreulicherweise wurde dieser Vorschlag dankend angenommen.
Die digitale Umsetzung klang anfangs leicht und stellte sich dann doch hinsichtlich ein paar Dingen als sehr zeitintensiv heraus. Diese Zeitfresser fasse ich zusammen, um Ihnen eine Stütze zu geben, wenn Sie ein Planspiel ins digitale übertragen müssen oder wollen.

Bild: Verena Moosmann
Doch vorab noch ein paar Informationen zum Planspiel. Es handelt sich um ein analoges Management-Planspiel mit sieben Gruppen: eine mächtige Manger-Gruppe eines führenden Sportartikelherstellers, deren Investoren und Wettbewerber, Vertretungspersonen einer Nichtregierungsorganisation, der Kundschaft bzw. die Öffentlichkeit, der Zulieferer und deren angestellten Näher, die in einem Entwicklungsland T-Shirts für den Sportartikelhersteller anfertigen. Die Teilnehmenden am Planspiel sind jeweils Teil einer dieser Gruppen und sie verfolgen im Planspiel die durch ihre Rolle vorgegebenen Ziele. Den Kleingruppen werden weitere Ereignisse mitgeteilt ohne dass die Teilnehmenden wissen, ob die anderen Gruppen, die Informationen ebenfalls erhalten. In der Diskussion muss strategisch abgewogen und entschieden werden, wie sie auf die Informationen reagieren können. Zum Ende des Planspiels findet ein Plenum statt, bei dem alle Gruppen aufeinandertreffen und ihre Entscheidungen präsentieren.

Das Planspiel wird mit einem Videokonferenztool umgesetzt. Das bedeutet, dass sich alle Teilnehmenden durch einen Link mit ihrem mobilen Endgerät anmelden und über Mikrofon, Video und Chat miteinander kommunizieren. Damit sich die einzelnen Gruppen - wie auch in Realität - an einen Tisch setzen können, habe ich Breaktout-Räume erstellt, in denen die Entscheidungen in Kleingruppen diskutiert und erarbeitet werden. So muss sich die Manager-Gruppe gegen Vorwürfe von Kinderarbeit rechtfertigen, die von Seiten der NGO vorgeworfen werden. Auf der anderen Seite haben die Investoren die Erwartung, dass genügend Dividende ausgeschüttet wird und setzen die Erwartungen gegenüber dem Management hoch. Während die Kundschaft und die Öffentlichkeit in diesem Planspiel um nachhaltige Produkte kämpfen, haben die NäherInnen eine sehr schwere Rolle, denn sie werden am Ende beim Plenum nicht teilnehmen können, sondern werden durch ihre Arbeitgeber (Zulieferer) repräsentiert. Der Zulieferer steht jedoch zwischen der Verantwortung gegenüber seiner Mitarbeitenden und seines Kunden, dem Sportartikelhersteller.
So hat jede Gruppe ihre eigenen Ziele und erst im abschließenden Debriefing werden die Teilnehmenden wieder aus den zugewiesenen Rollen schlüpfen und ihre Erfahrung während des Planspiels wiedergeben können.


Tipp 1: Welche Interaktionen sind für mein Planspiel wichtig?
Gehen Sie zu Beginn das Planspiel in Ruhe durch und überlegen sich, welche Gruppen gebildet werden und machen Sie sich dann bewusst, wann und wie diese miteinander in Interaktion treten sollen. Das ist bei einem Planspiel in einem virtuellen Raum noch viel wichtiger als bei einem anlogen Planspiel, denn bei letzterem kann man im Seminarraum leichter nachsteuern und Gruppen umschichten und zusammenbringen. Im virtuellen Raum muss dies besser geplant und durchdacht sein. Sich das als erstes zu verinnerlichen, hilft Ihnen für die Vorbereitung der weiteren Punkte.


Tipp 2: Programme testen
Sie testen nun alle möglichen Videokonferenz-Programme, ob sie die Interaktionsformen erfüllen, die Sie brauchen. Mit welchem Programm lassen sich alle meine Anforderungen umsetzen? Kann ich mit diesem Programm alle Kleingruppen individuell in Räume verteilen? Wie stelle ich die dafür notwendige Zeit ein? Können die Teilnehmenden auch von einem in den anderen Raum verteilt werden – ohne, dass alle anderen Räume aufgelöst werden? Mit welchem Programm kann ich die Rollenverteilung für alle ersichtlich machen?
Nehmen Sie sich dafür im Vorfeld genügend Zeit und testen es mit KollegInnen, Bekannten, Familie, ..., um sicher zu sein, dass alle Features funktionieren.


Tipp 3: Planspiel und Zeitplan anpassen
Ich habe in der Programm-Testphase bemerkt, dass mein Planspiel zu komplex war und habe es im nächsten Schritt entsprechend angepasst und auch den Zeitplan geändert. Ein gutes Planspiel im virtuellen Raum muss schlanker und präziser sein. Denn: die theoretische Einführung bei einem digitalen Planspiel sollte nicht so zeitintensiv sein, weil mehr Zeit für die technischen Erläuterungen und Umsetzungen benötigt wird.


Tipp 4: Drehbuch vorbereiten
Um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen, bereiten Sie alle technischen Notwendigkeiten vor. Erstellen Sie zum Beispiel den Meeting-Termin und legen Sie im Vorfeld alle Breakout-Räume bereits an. Achtung: Auch das funktioniert nicht bei allen Programmen. Sollte diese Funktion im Vorfeld nicht möglich sein, dann notieren Sie sich die Namen der Räume in einem separaten Dokument, sodass Sie während dem Planspiel keinen Raum vergessen und es nicht allzu viel Zeit in Anspruch nimmt. Ja, im Grunde brauchen Sie ein umfangreiches Drehbuch, nicht nur mit den inhaltlichen Details, sondern auch mit der Info, was technisch alles umgesetzt werden muss.
Laden Sie alle notwendigen Materialien bereits im Vorfeld hoch, so dass Sie diese nur noch aufrufen müssen.


Tipp 5: Kameras an
Ein Planspiel lebt von Interaktion und es wird viel realer und emotionaler, wenn alle Teilnehmenden die Kameras aktiviert haben. Gründe wie „meine Internetverbindung ist zu schwach“, einfach mal beiseitelegen und dem Internet eine Chance geben. Ausschalten geht dann immer noch. Daher ermutigen Sie die Teilnehmenden es erstmal mit Kamera zu versuchen – zwingen können Sie natürlich niemanden, aber ein proaktives Ansprechen hilft oft schon. In meinen beiden Planspielen (das erste mit und das zweite ohne Video) war die erste Variante deutlich emotionaler und es entstanden mehr Diskussionen.


Tipp 6: Regeln einführen
Legen Sie gleich zu Beginn gewisse Kommunikationsregeln fest. So ist es beispielsweise sinnvoll, dass jeder Teilnehmende sein Mikrofon auf stumm schaltet, wenn Sie gerade präsentieren. Sie können auch darum bitten, dass während Ihrer Präsentation, Fragen nur über die Chat-Funktion gestellt werden. Achten Sie aber im Anschluss darauf, dass Sie die Teilnehmenden fragen, ob es bis dahin noch Unklarheiten gibt. Einige Videokonferenztools besitzen auch Symbolkennzeichen, durch welche auch ein „Daumen hoch = verstanden“ schnell und einfach kommuniziert werden kann.


Tipp 7: Namen der Teilnehmenden ändern
Sofern es das Programm zulässt, ändern Sie die Namen der Teilnehmenden entsprechend der Rollen um. Ich habe im ersten Planspiel eine Abkürzung vor den eigentlichen Namen gesetzt. Ein Manager hieß nach der Umbenennung beispielsweise „m – Max Mustermann“. So ist es für alle einfacher den Überblick zu behalten. Testen Sie die Funktionalität auch hier bereits im Vorfeld.
Wenn es in Ihrem Planspiel ein Moderator und ein Präsenator gibt, teilen Sie sich diese Aufgabe auf. Während der Präsentator die Case Study vorstellt, können Sie die Namen der Teilnehmenden in Ruhe umbenennen.


Tipp 8: Technische Probleme direkt melden
Weisen Sie Ihre Teilnehmenden darauf hin, dass sie technische Probleme direkt melden sollen. Ansonsten besteht Gefahr, dass der Anschluss im Planspiel verpasst wird oder es sich unnötig hinauszögert. Überlegen Sie sich dafür ein Prozedere, dass zum Beispiel technische Probleme über den Chat kommuniziert werden.
Tipp 9: Software für Gruppenarbeiten
Für Gruppenarbeiten eignen sich Programme wie GoogleDocs oder auch Etherpad. Auch diese können ideal vorbereitet werden und so müssen Sie während des Planspiels nur noch den Link über die Chatfunktion senden. Dieser Medienwechsel, wie wir ihn auch auf unserer Homepage im Beitrag „Die Herausforderung: Digitale Lehre“ beschrieben haben, hilft die Routine zu durchbrechen und die Teilnehmenden wieder neu zu begeistern.


Tipp 10: Überlassen Sie das Ruder den Präsentierenden
Sie müssen als Moderator eines Planspiels nicht alles übernehmen. Bitten Sie die jeweiligen Gruppen, Ihren eigenen Bildschirm bei einer Präsentation zu teilen. Das bringt ebenfalls wieder mehr Auflockerung und Aufmerksamkeit in ein Planspiel.


Trotz alle dem: Die Technik kann immer einen schlechten Tag haben
Ich hatte in beiden Planspielen kleine technische Patzer, die sich im Vorfeld nicht einplanen lassen, aber dennoch sollten Sie – wenn Sie eben sonst alles gut durchplanen – für sehr viel gewappnet sein. Und Sie werden sehen, dass die Dankbarkeit über etwas Abwechslung in der digitalen Lehre, sehr groß ist.
Verena Moosmann

Zeit, um zu entscheiden

Diese Webseite verwendet externe Medien, wie z.B. Karten und Videos, und externe Analysewerkzeuge, welche alle dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Dabei werden auch Cookies gesetzt. Die Einwilligung zur Nutzung der Cookies & Erweiterungen können Sie jederzeit anpassen bzw. widerrufen.

Eine Erklärung zur Funktionsweise unserer Datenschutzeinstellungen und eine Übersicht zu den verwendeten Analyse-/Marketingwerkzeugen und externen Medien finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.