27.05.2021

Hinter den Kulissen eines Fußballvereins

Lil Zercher beginnt mit einer Anekdote: Während ihres Bachelor-Studiums in Communication, Culture & Management (CCM) fragte sie ihr selbstgewählter Wissenschaftscoach, ob sie schon wisse, wo sie einmal beruflich hinwolle. Ihre Antwort: An die Schnittstelle von Marketing und Sport bzw. Fußball. Nach ihrem Studium bewarb sie sich dann auch für ein Praktikum bei der HypoVereinsbank im Bereich Sport-Sponsoring. Ihre tatsächlichen Aufgaben lagen allerdings schließlich eher im Marketing für Privatkunden. Was sich nach einem Irrweg anhört, erschloss ihr aber letztendlich ein ganz neues Tätigkeitsfeld: Sie lernte ihr Talent für Sprache und Texte kennen. Da der Wunsch nach einer Tätigkeit im Sport aber nach wie vor bestand, gab sie ihre Stelle bei der Bank auf für ein Praktikum beim TSV 1860 München. „Sehr zum Leidwesen meiner Eltern“, gibt sie zu. Ohne „Vitamin B“ in einem Fußballclub unterzukommen, sei damals nicht einfach gewesen, aber es habe trotzdem geklappt. Bis 2017 arbeitete sie bei den Löwen als Pressesprecherin und leitete die Kommunikationsabteilung, ehe Lil Zercher dann zum 1. FC Köln wechselte. Aktuell hat die 36-Jährige interimistisch die Leitung der Kommunikationsabteilung inne.

Nach diesem ersten Einblick in ihren Werdegang spielt Lil Zercher den Ball den Studierenden zu und möchte wissen, was deren Pläne und Interessen sind. Eliana erzählt, dass sie schon immer Fußballfan ist und sich deshalb vorstellen kann, diese Leidenschaft später mit ihrem Beruf zu verbinden. Sie hat im Kompass-Studium die Kultur- und Kommunikationswissenschaften für sich entdeckt, weil sie ein sehr breites Feld an Berufsmöglichkeiten eröffnen. Annika interessiert sich unter anderem für Journalismus und fragt, ob Lil Zercher eine journalistische Ausbildung zusätzlich zum Studium empfehlen würde. „Ich wollte eigentlich nie Journalistin werden“, räumt diese ein, „meine Bachelorarbeit habe ich thematisch im Bereich Kunst und Mode geschrieben.“ Für die Arbeit bei Zeitungen sei tatsächlich eher eine klassische Volontariatsausbildung oder ein Studium mit Schwerpunkt Journalismus gefragt. Viele von Lil Zerchers Kolleginnen und Kollegen haben ebenfalls eine journalistische Ausbildung, aber: „Wir haben auch viele Berufsanfängerinnen und -anfänger mit ganz unterschiedlichen Bachelor-Abschlüssen, zum Beispiel im Bereich Medien oder im Management.“ Diese lernen dann durch ein Volontariat ganz konkret die Aufgaben innerhalb der Kommunikationsabteilung eines Sportclubs kennen.

Foto: ZU | Annika Hörenberg


Und wie sieht nun der Arbeitsalltag als Pressesprecherin aus? Lil Zercher hat vor allem eine Schnittstellenfunktion: „Es geht darum, viele verschiedene Fäden zusammenzuhalten.“ Intern muss das Vorgehen zwischen verschiedenen Abteilungen wie der Geschäftsführung oder dem Merchandising abgestimmt werden, anschließend werden diese Informationen dann nach außen kommuniziert, etwa im Austausch mit der Presse oder TV-Partnern. Ihren Tagesablauf skizziert Lil Zercher so: Morgens sichtet sie zuerst den Pressespiegel. Dann geht es mit dem Team an die Tagesplanung, es wird besprochen, welche Inhalte wo veröffentlicht werden. An Spieltagen gilt es, die Spieltags-Pressekonferenz sowie Einzelinterviews vorzubereiten. Hintergrundinformationen zum Spiel und zur Aufstellung müssen für Moderatoren und Kommentatoren aufbereitet werden. Wenn kein Spiel ist, stimmt Lil Zercher sich vor dem Training mit dem Trainer ab: Welche Spieler trainieren? Was davon wird kommuniziert? Wird ein Spieler zum Beispiel nur zur Erholung geschont oder ist er verletzt? Vormittags findet dann in der Regel ein Training der Profis statt. Im Anschluss daran, auf dem Weg vom Trainingsplatz in die Kabine – momentan digital – findet regelmäßig die „Mixed Zone“, statt, in der Verantwortliche, Trainer oder Spieler rund 10 Minuten mit Journalistinnen und Journalisten sprechen.
Das Besondere daran: Äußerungen aus der „Mixed Zone“ dürfen verwendet werden, ohne dass es einer Freigabe durch die Kommunikationsabteilung bedarf. Denn in der Regel werden Aussagen in Interviews vor der Veröffentlichung „autorisiert“. Für Lil Zercher ist das eine Win-Win-Situation: Sie hat einen Überblick, was gesagt wurde, und die Spieler können sich darauf verlassen, dass nur das veröffentlicht wird, was sie dann auch tatsächlich in Zeitung lesen möchten.

Die Kommunikation über Soziale Medien hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Lil Zercher erklärt: „Wir haben verschiedene ‚Nutzertypen‘ entworfen und dementsprechend werden Inhalte je nach Kanal unterschiedlich präsentiert.“ Neben den vereinseigenen Kanälen spielen aber auch die der Spieler eine Rolle. „Unsere Spieler bekommen regelmäßig eine Schulung zum Umgang mit Social Media“, berichtet Lil Zercher. Daher gebe es auch eher selten Konflikte aufgrund von Veröffentlichungen. „Aber es kann schon mal passieren, dass ein Spieler sich online über einen Schiedsrichter auslässt oder eine Verletzung veröffentlicht, obwohl wir das als Club noch nicht offiziell kommuniziert haben.“ Den Spielern ermöglicht der Auftritt in sozialen Medien eine besondere Nähe zu den Fans, doch das kann auch Schattenseiten haben. Lil Zercher nennt als Beispiel einen Spieler, der aus der Jugend in die erste Mannschaft gewechselt ist. Anfangs hatte er ungefähr 2.500 Follower, nach einigen guten Spielen erhöhte sich die Anzahl in kurzer Zeit auf über 20.000. „Mit den Leistungsschwankungen, die für einen jungen Spieler ganz normal sind, veränderte sich auch das Feedback auf den Kanälen: Der Rückhalt, den es vorher überwiegend gab, kehrte sich zum Teil ins Gegenteil um. Für so einen jungen Menschen ist das nicht einfach.“

Der Eindruck eines vollen Terminkalenders täuscht nicht, Lil Zerchers Stelle erfordert viel Einsatz und Flexibilität: „Handy aus gibt es bei mir praktisch nie“, sagt sie. „Das Fußballgeschäft ist sehr speziell und extrem schnelllebig, zum Beispiel, wenn es um Trainerwechsel geht.“ Auch Diplomatie sei gefragt, etwa im Dialog mit der Presse oder Spielern. In ihrem bisherigen Berufsleben hat sich Lil Zercher auch Kompetenzen zur Krisenkommunikation angeeignet: Ein Abstieg hat für einen Fußballverein beispielsweise weitreichende wirtschaftliche Folgen, die Übernahme des TSV 1860 München durch einen ausländischen Investor griff ebenfalls stark ins Clubgefüge ein.

Auch wenn Lil Zercher schon früh wusste, in welchem Bereich sie gerne arbeiten würde, gibt sie den Studierenden zum Schluss noch Folgendes mit: „Es ist nicht unbedingt nötig, sich schon am Anfang eines Studiums auf ein berufliches Ziel festzulegen.“ Es lohne sich, auch offen für Inhalte und Anregungen aus anderen Fachbereichen zu sein.



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