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09.03.2021

„Man schafft ein einmaliges Erlebnis für Künstler und Publikum“

Im Laufe des Kompass-Studiums treffen die Studierenden Absolventinnen und Absolventen der ZU und erfahren etwas über deren Werdegänge und den Berufsalltag, aber auch über die Studienzeit an der ZU. Bei der ersten Veranstaltung dieses Semesters gaben Carolin Storch und Noah Vinzens Einblicke ins Arbeitsfeld klassische Musik. Schnell waren sie mit den Studierenden per Du und beantworteten deren Fragen.


Berufliche Werdegänge

Carolin Storch absolvierte den Bachelor Communication, Culture & Management mit einem Minor (Nebenstudienfach) in Corporate Management & Economics und arbeitet seit 2017 bei der Künstleragentur Dr. Raab & Dr. Böhm in Wien. Neben der Vermittlung von Dirigentinnen und Dirigenten sowie Solistinnen und Solisten an Orchester, Opern- und Konzerthäuser organisiert die Agentur internationale Orchestertourneen. Carolin Storch begann als Assistentin der Geschäftsführung und arbeitet mittlerweile in der Planung und dem Verkauf von Orchestertourneen sowie der Unternehmensentwicklung. Wie ihr Alltag dort aussieht? „Es gibt verschiedene Phasen. Zum einen reise ich in Nicht-Covid-Zeiten viel, normalerweise mehrere Wochen im Jahr. Wir begleiten die Orchester und Künstlerinnen und Künstler, außerdem pflegen und erweitern wir das Netzwerk der Agentur.“ Die Phasen im Büro sind vor allem durch Planungsthemen wie Verträge, Logistik und Steuern geprägt, aber auch viel Diplomatie und das Finden von Kompromissen zwischen verschiedenen Beteiligten sind gefragt. Besonders genießt Carolin Storch die Momente, in denen sie im Konzert sitzt und das Ergebnis ihrer Arbeit sieht und hört: „Man schafft einfach ein einmaliges Erlebnis für das Publikum und die Künstlerinnen und Künstler gleichermaßen.“


Noah Vinzens

Noah Vinzens kommt aus einer musikalischen Familie und strebte von Anfang eine Solokarriere als Pianist an. In seiner aktivsten Konzertsaison bereiste er 30 Länder, spielte 120 Konzerte und war ein halbes Jahr nicht zu Hause. Doch mit der Zeit erkannte er, dass ihn verschiedene Aspekte des klassischen Konzertbetriebs störten: „Ich wollte die Spielregeln verändern, statt mitspielen zu müssen.“ In seinen Augen fehlen in der Branche nach wie vor Konzepte, die mit Kreativität und neuen Ideen das teils verstaubte Image von Klassik verändern können. Mit der Leitung des Steinway-Festivals Wolfshagen ist ihm der Wechsel ins Kulturmanagement gelungen. Nachdem er Anfang 2021 den Masterstudiengang Pioneering in Arts, Media & the Creative Industries absolviert hat, lernt er aktuell noch eine weitere Perspektive des Kulturbetriebs kennen: Er ist als Berater und Gutachter der Bundesregierung im Programm „Neustart Kultur“ tätig, das Kultureinrichtungen in der Corona-Pandemie mit Fördergeldern unterstützt.


Fragen der Studierenden

In der offenen Fragerunde interessierte sich Martin vor allem dafür, wie man klassische Musik anders präsentieren kann. Noah erklärte: „Ich variiere das, was da ist: Licht und Raum beispielsweise. Man kann fragen: Muss es immer so sein, dass die Bühne vorne ist, das Publikum in Reihen im Dunkeln sitzt und der Künstler auf der Bühne quasi ‚ins Nichts‘ spielt? Oder kann ich das Klavier vielleicht in die Mitte stellen und das Publikum kreisförmig darum herumsetzen? Das hört sich nach einer kleinen Änderung an, aber es führt für beide Seiten zu einem ganz neuen Erlebnis.“


Maya wollte wissen, wie sich die Corona-Pandemie auf den Musikbetrieb auswirkt. Durch den Wegfall der Konzertsituation fühlen sich viele Künstlerinnen und Künstler ihres Arbeitsfeldes beraubt. Selbst wenn Proben möglich sind, fehlt ohne die Aufführungssituation der wesentliche Teil. Eine Verschiebung ins Digitale verändert dabei die Konsumgewohnheiten: Man kann Konzerte plötzlich auch „nebenher“ hören. Obwohl durch digitale Formate vielleicht auch Menschen neu mit klassischer Musik in Kontakt kommen, sehen sowohl Carolin als auch Noah eine gewisse Gefahr darin, dass plötzlich alles zu jeder Zeit und oft auch kostenlos verfügbar ist.


Annika fragte, ob alle Künstlerinnen und Künstler eine weiterführende musikalische Ausbildung haben. Das ist in der Regel der Fall, oft beginnen besonders talentierte Künstlerinnen und Künstler bereits in jungen Jahren mit einem Jungstudium. Auch im Rahmen von Masterclasses wird das eigene musikalische Können erweitert. Eine Karriere baut man sich dementsprechend schon während des Studiums auf, nicht erst nach dem Abschluss. Doch obwohl Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine sehr hohe Orchesterdichte hat, ist der Konkurrenzkampf groß.


Carolin Storch | Foto: Julia Wesely

Eindrücke aus dem Studium

„Die Frage ist wichtiger als die Antwort.“ Der Studienstart von Carolin war eng mit diesem Auftakt-Impuls des damaligen ZU-Präsidenten Stephan A. Jansen verbunden. Vor allem das erste Jahr nahm sie sehr stark als Findungsphase wahr. „Am Anfang dachte ich, ich bin die Einzige, die unsicher ist. Aber das stimmte gar nicht und ich habe mir diese Unsicherheit dann auch erlaubt.“

Noah gehörte zur ersten Kohorte, die den Masterstudiengang AMC absolvierte. Die acht Studierenden waren deshalb auch aktiv an der Gestaltung der Inhalte und der Auswahl von Gastprofessuren beteiligt. „Im Grunde kann man sagen, dass wir acht verschiedene Studiengänge studiert haben. Man hatte viele Möglichkeiten, seine Kreativität und seine Interessen einzubringen.


Noah und Carolin sind sich einig, dass die ZU sich vor allem durch den Kontakt mit Menschen auszeichnet. „Es gibt Themen, die interessieren einen vielleicht erst mal gar nicht. Aber dann triffst du jemanden, der total begeistert von einem Thema ist, und dadurch wird es auf einmal spannend.“


Umwege, Überraschungen, Planänderungen…

… sind immer wieder Thema während des Gesprächs. Noah nahm während seines Klavierstudiums eine Management-Stelle beim Kreuzfahrtanbieter TUI-Cruises an. Die Leitung des Entertainment-Bereichs war thematisch weit weg von seinem eigentlich angestrebten Ziel: „Da ging es eher um Schlagerveranstaltungen. Aber ich habe gemerkt: Management macht Spaß und liegt mir.“
Auch Planänderungen ergeben sich immer wieder. Nach der Schule wollte Carolin eigentlich Medizin studieren. Eher spontan ergab sich dann aber ein dreimonatiges Praktikum bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen – sie blieb letztlich ein ganzes Jahr und entdeckte das Berufsfeld der klassischen Musik für sich. Nach dem Bachelorabschluss bewarb sie sich „einfach mal so“ auf eine Stelle, obwohl sie eigentlich einen Masterstudiengang im Blick hatte. Zwei Wochen später erhielt sie eine Zusage – von der Künstleragentur, bei der sie bis heute arbeitet.


Die Menschen, die mit Noah und Carolin studiert haben, arbeiten heute in sehr unterschiedlichen Bereichen, Carolin gab ein paar Beispiele: „Meine ehemaligen Mitstudierenden arbeiten heute in verschiedensten Industrieunternehmen und Kulturinstitutionen, sind in der Beratung tätig oder promovieren.“ Die beiden laden die Kompass-Studierenden deshalb ein, auch im Nachhinein des Treffens Fragen zu stellen und das vorhandene Netzwerk zu nutzen.