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01.09.2017

Tabea Zimmermann

Der Weg von Tabea Zimmermann war vorgezeichnet: Aufgewachsen in einer Familie von Musikerinnen und Musikern, lernte sie früh Klavier und Violine, spielte damit bis zum Abitur in diversen Orchestern und Ensembles und trat mehrfach solistisch auf. Sogar die Aufnahmeprüfungen an zwei Musikhochschulen waren bestanden – doch während einer viermonatigen Wanderschaft in Neuseeland kam der Bruch: Es sollte fortan nicht mehr die Musik sein, sondern Internationale Beziehungen – so entschied sie sich für ein PAIR-Studium an der ZU und schlug einen Kurs ein, den sie keineswegs bereut hat.



„In meiner Familie sind seit Generationen alle MusikerInnen oder MusiklehrerInnen“, bemerkt Zimmermann. Der Vater war Opernsänger, ist jetzt freischaffender Künstler, die Mutter hat Klavier studiert, lange beim Windsbacher Knabenchor gearbeitet und ist jetzt freischaffende Bildhauerin. „Hinzu kommen meine Geschwister und deren EhepartnerInnen, die jeweils ein musikalisches Studium abgeschlossen haben“, ergänzt Zimmermann. „Das kann dann schon mal laut werden, wenn Klavier, Trompete, Tuba, Cello, Gesang oder Violine gleichzeitig in einem Haus geübt werden.“ So wuchs Tabea Zimmermann in einer klassischen Musikwelt auf, genoss eine sehr intensive Ausbildung und lernte von klein auf Klavier und Violine zu spielen.


Der nächste Schritt führte sie auf ein musisches Gymnasium und direkt ins große Schulorchester, in dem sie sich mit der Zeit hocharbeitete, als Stimmführerin und später gar Konzertmeisterin agierte. „Konzertmeisterin zu sein, ist eine ungemein verantwortungs- und anspruchsvolle, aber auch zeit- und arbeitsintensive Tätigkeit“, beschreibt Zimmermann. „So musste ich nicht nur die einzelnen Orchestermitglieder führen und motivieren, sondern auch musikalisch zusammenbringen, was angesichts der bestehenden Vielfalt an musikalischen Levels nicht immer einfach war.“ Nebenbei hatte sie auch als Solistin oder Teil eines Ensembles öffentliche Auftritte und gab darüber hinaus bildungsbenachteiligten Menschen Violine- und Klavierunterricht. Mit den Jahren erreichte Zimmermann ein hohes musikalisches Niveau, „doch um dieses Niveau auch zu halten oder gar zu heben, musste ich mehrere Stunden am Tag Probezeit einrechnen.“


Um aus der sie stets umgebenden klassischen Musikwelt auszubrechen, ging Tabea Zimmermann für ein knappes Jahr an die Girls' High School im neuseeländischen Hamilton. Dies gelang ihr allerdings nur bedingt: So lernte sie zwar ein anderes soziales Umfeld, ein neues Bildungssystem und die Welt der Naturwissenschaften kennen, doch auch in Neuseeland kehrte sie der Klassischen Musik nicht gänzlich den Rücken. Sie leitete als Konzertmeisterin das Schulorchester, gründete mit Austauschschülerinnen aus Thailand und Japan ein Ensemble und nahm sogar an einem Kammermusikprogramm der University of Waikato teil, wo sie gemeinsam mit anderen Studierenden ein Schostakowitsch-Klaviertrio bildete. „Ich liebe Musik, und doch habe ich gemerkt, dass Musik für mich nicht alles ist, dass es sich lohnt, auch mal über den Tellerrand hinauszuschauen und andere Lebensweisen zu ergründen“, sagt Zimmermann.


Zunächst schien es dennoch, als wäre der Weg weiter gebahnt, eine Karriere als Musikerin absehbar: Tabea Zimmermann spielte direkt nach dem Abitur die Aufnahmeprüfungen an den Musikhochschulen in München und in Würzburg, nicht nur, um sich selbst, sondern auch ihrer Familie etwas zu beweisen – und erwarb schließlich die Studienplätze. Zwischen bestandenen Aufnahmeprüfungen und Studienbeginn führte sie ihr Weg allerdings erneut nach Neuseeland, wo sie sich insgesamt vier Monate allein auf Wanderschaft begab – eine Zeit voller Abenteuer, verrückter Begegnungen, aber auch vollkommener Abgeschiedenheit, die für ihre weitere Zukunft wegweisend sein sollte. „Ich habe viel über mich und mein bisheriges Leben nachgedacht, alles kritisch hinterfragt und dabei festgestellt, dass mich das Dasein als Musikerin nicht glücklich machen wird, was vor allem an meinem stark ausgeprägten Hang zum Perfektionismus liegt“, erläutert Zimmermann. Und sie fügt hinzu: „Das lässt sich am besten mit dem Umstand beschreiben, dass ich bei keinem einzigen von mir gespielten Konzert mit meiner dargebotenen Leistung zufrieden war, weil es aus meiner Sicht immer besser geht.“ Ein zufälliges Zusammentreffen und ein intensives Gespräch mit einem Diplomaten lenkte sie dann auf ein Thema, an das sie zuvor niemals gedacht hätte: Internationale Beziehungen.


Bereits einen Tag nach ihrer Rückkehr gab sie ihre Studienplätze an den Musikhochschulen auf, „womit ich meiner Familie natürlich einen mächtigen Schock versetzte.“ Anschließend informierte sie sich über politikwissenschaftliche Studiengänge mit internationaler und interdisziplinärer Ausrichtung – und stieß auf den PAIR-Studiengang der ZU: „Besonders mit der Interdisziplinarität und der Kombination aus Politik und Verwaltung konnte mich die ZU überzeugen, denn ich bin jemand, der sich nicht auf eine Sache beschränken möchte, sondern sich für vieles gleichzeitig interessiert.“ Nach dem Auswahltag räumte sie auch den letzten Stolperstein, die Finanzierung des Studiums, beiseite, indem sie sich erfolgreich als (Musik-)Nerd um ein Diversitätsstipendium sowie später um ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung bewarb.


Der Interdisziplinarität hat sie sich bis heute verschrieben und arbeitet gerne an Schnittstellen. Aktuell interessiert sie sich im Akademischen etwa insbesondere für das Thema „Katastrophenmanagement der öffentlichen Verwaltung“, das heißt: „Mich interessiert, wie eine Verwaltung in bestimmten Sektoren auf Umweltkatastrophen reagiert, ob und wie deren Vorgaben von der Bevölkerung implementiert beziehungsweise akzeptiert werden. Ein großes Themenfeld, in dem zum Beispiel Verwaltung, Politik, Kommunikation, Kultur und Geographie sich treffen.“ Um sich näher damit zu beschäftigen, wird Zimmermann nun eineinhalb Jahre im Ausland verbringen, wo sie zunächst am Interdisciplinary Center Herzliya in Israel ein Semester studieren, danach ein Praxissemester für Praktika nutzen und abschließend ein Semester gemeinsam mit einem Forschungsteam in Nepal dazu forschen wird. „Ich bin sehr dankbar, dass mich die ZU bei meinen etwas verrückten und idealistischen Vorhaben fördert.“


Was für Tabea Zimmermann seit Beginn ihres Studiums mindestens ebenso wichtig ist, ist das Engagement in studentischen Initiativen und an der ZU. „Mein Engagement erwächst daraus, dass ich es als Privileg ansehe, an der ZU studieren zu dürfen“, sagt Zimmermann. „Daher möchte ich der Uni auch etwas zurückgeben.“ Ihre Liebe zur Rhetorik brachte sie zu The Soapbox, zudem beteiligte sie sich ein Jahr lang bei der Zeppelin MUN Society, wo sie gemeinsam mit weiteren ZU-Studierenden nach Rom zur WorldMUN reiste, der weltweit größten Simulation der Vereinten Nationen.


Getreu dem Grundgedanken des Diversitätsstipendiums ist sie ein Gründungsmitglied des Diversity Network, einer studentischen Initiative und offenen Arbeitsgruppe, die sich aktiv für die Themen Gender, Diversität und Gleichstellung einsetzt und allen Interessierten ein Forum für regelmäßige Diskussionen bietet. Zugleich ist sie als erste studentische Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte nicht nur Mitglied in der institutionellen AG Diversität, sondern sitzt damit auch im offenen Senatsausschuss Gleichstellung und Diversität, um mit ihrer Arbeit mehr Sensibilität für Diversitätsthemen zu schaffen und sich auch neben dem Studium mit feministischen Themen, Menschen- und Frauenrechten intensiv zu beschäftigen.


Auch wenn sie inzwischen einen gewissen Abstand zur Musik gewonnen hat, ist sie ab und zu in den Abendstunden im Forum am Flügel anzutreffen, besonders in Stressmomenten. „Musik ist für mich Klang gewordene Emotion“, erwähnt Zimmermann. „Wenn ich beim Klavierspielen die Augen schließe, dann vergesse ich in diesem Moment alles um mich herum.“ Hat sie es jemals bereut, nicht den Weg einer Musikerin zu gehen? „Auch wenn die Musik mir sehr viel gibt, war es die richtige Entscheidung, einen anderen – meinen Kurs – einzuschlagen.“