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01.05.2020

Christine Weimann

Bodenseekreis, Berlin, Brüssel. Christine Weimann hat bereits so einige politisch Bühnen betreten und dabei in verschiedenen Rollen Erfahrungen in der sozialdemokratischen Kommunal-, Landes-, Bundes- und Europapolitik gesammelt. Dass Europa ihr besonders ans Herz gewachsen ist, zeigt ihr Engagement bei „Pulse of Europe“ und den „Jungen Europäischen Föderalisten“ sowie das Thema ihrer Bachelorarbeit, in der sie sich mit der europäischen Vertiefung auseinandersetzt. Doch sie will noch weiter hinaus: Inspiriert durch ein Praktikum in der Deutschen Botschaft in Washington D.C., möchte sie das Thema Transatlantische Beziehungen in einem Masterstudium vertiefen.



Zwei Jahre vor ihrer Geburt ist ihr Vater als Spätaussiedler mit seiner eigenen Familie von Russland nach Deutschland gezogen. „Es ist für mich ein Privileg, in Deutschland sowie mit zwei Kulturen und Sprachen aufgewachsen zu sein“, bemerkt Weimann. Ihren Eltern war es von Anfang an wichtig, dass sich Christine Weimann und ihre in Russland geborene Schwester durch Sprache und Bildung, aber auch durch Engagement – ob im Karnevalsverein oder in der Kirchengemeinde – integrieren. „Sie haben uns alle Freiheiten gegeben und uns in allem unterstützt, egal, wofür wir uns letztlich auch entschieden haben“, sagt Weimann.


Nach der Grundschule ging es für Christine Weimann zunächst auf die Realschule und von dort weiter auf ein Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung. „Weil Bildung in meinem Leben und für meine Integration einen hohen Stellenwert besitzt, wollte ich so viel wie möglich darin investieren,“ erläutert Weimann. „Daher stand für mich relativ schnell fest, dass ich das Abitur machen und ein Studium aufnehmen möchte.“ Alles sah nach einem Studium in BWL aus, wäre da nicht ein Girls' Day im Deutschen Bundestag gewesen. „Dabei ging es nicht nur um einen Blick hinter die Kulissen, sondern in den Gesprächen mit den anwesenden Bundestagsabgeordneten auch um Chancengleichheit und damit um ein Thema, das meine Leidenschaft für Politik im Allgemeinen und mein Interesse für sozialdemokratische Positionen im Besonderen geweckt hat“, berichtet Weimann.


Ein Projekt kurz vor dem Abitur und ein Praktikum kurz nach dem Abitur zeugen davon. Zum einen nahm sie an einem Jugendkreativwettbewerb zu 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen teil. Gemeinsam mit einem Mitschüler und in Kooperation mit einer Studentin der Tel Aviv University erstellte sie die filmische Collage „Visit Israel – Let’s go“ – in der junge Deutsche wie Israelis zu Wort kommen und ihre Perspektiven auf die jeweils andere Kultur teilen – und engagierte sich so nicht nur für die deutsch-israelische Freundschaft, sondern auch für den internationalen Austausch. Dafür wurden die beiden im Rahmen eines Frühjahrsempfangs der SPD-Bundestagsfraktion mit einem der Otto-Wels-Preise für Demokratie ausgezeichnet.


Dank mittlerweile guter Verbindungen zu SPD-Bundestagsabgeordneten – „die mich in jeglicher Hinsicht ermuntert und gefördert haben und mir gezeigt haben, dass Vielfalt für unsere Gesellschaft von elementarer Bedeutung ist“ – arbeitete Christine Weimann zum anderen einige Monate in der Geschäftsstelle vom Seeheimer Kreis im Deutschen Bundestag. Dabei wurde sie in zahlreiche Projekte eingebunden und erhielt so vertiefte Einblicke in die parlamentarische Arbeit und in die Abläufe innerhalb einer Bundestagsfraktion, was sie in ihrem Interesse an Politik nur noch bestärkte.


Die Entscheidung gegen ein BWL- und für ein Politikstudium war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst beschlossene Sache. Erstmals begegnete sie der ZU, als sie auf eine Anzeige für das Diversitätsstipendium aufmerksam wurde. „Eine Universität, die Diversität wertschätzt und fördert: In diesem Moment habe ich mich so angesprochen und angenommen gefühlt, dass ich mich sofort um einen Studienplatz und um ein Stipendium beworben habe“, erzählt Weimann. Mit einem Diversitätsstipendium und einem Brennen für Politik startete sie in ihr Bachelorstudium in PAIR.


Weil sie neben dem Studium nie den Praxisbezug aus den Augen verlieren wollte, war sie im ersten Studienjahr als studentische Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro des SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Gerster tätig. „Dort habe ich mich vor allem mit Bürgeranliegen befasst und gelernt, wie bundespolitische Entscheidungen auf der lokalpolitischen Ebene aufgenommen werden“, erläutert Weimann. In den ersten Monaten im Wahlkreisbüro unterstützte sie außerdem den Wahlkampf eines SPD-Landtagskandidaten. Kaum war dieser Wahlkampf vorbei, wurde sie auch schon vom damaligen Vorsitzenden der SPD Bodenseekreis angesprochen, ob sie sich nicht vorstellen könnte, auch im SPD Ortsverein Friedrichshafen mitzuwirken. Kaum hatte sie sich in diesem Ortsverein vorgestellt, wurde sie auch schon zum Vorstandsmitglied gewählt. „Dieser Vertrauensvorschuss war nicht nur etwas Besonderes, weil die Mitglieder mir die Vorstandsarbeit zugetraut haben, sondern auch, weil ich mir zum ersten Mal getraut habe, ein politisches Amt und damit Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Weimann.


Von der Kommunal- über die Landes- bis hin zur Bundespolitik hatte sie bereits viele Facetten des Politikbetriebes hautnah miterlebt – blieb noch die Europapolitik. Auf einer Diskussionsveranstaltung lernte sie mit Peter Simon einen SPD-Abgeordneten im Europäischen Parlament kennen, in dessen Brüsseler Büro sie in den ersten Sommerferien ein Praktikum machte. Begeistert von den europäischen Themen und überwältigt von den europäischen Institutionen, kehrte sie nach Friedrichshafen zurück. „Bemerkenswert ist, dass mein arbeits- und zeitintensives Engagement außerhalb der Universität von den Menschen an der ZU durchweg positiv aufgenommen wurde“, sagt Weimann. „Das hat mir enormen Auftrieb gegeben.“


Weil zu der Zeit das Flüchtlingsthema populistischen Strömungen in ganz Europa Auftrieb gegeben hat, Christine Weimann aber überzeugte Europäerin ist, entschloss sie sich dazu, die sonntäglichen Kundgebungen der pro-europäischen Initiative „Pulse of Europe“ in der Friedrichshafener Innenstadt mit zu initiieren. „Dabei ging es mir hauptsächlich darum, Menschen ein positives Bild von Europa zu vermitteln und ihnen eine Plattform zu geben, um ein Zeichen für Europa zu setzen“, erklärt Weimann. Auch wenn sich die Initiative inzwischen abgeschwächt hat und durch die Bewegung „Fridays for Future“ in den Hintergrund getreten ist, denkt Weimann, dass es im Zuge der Corona-Pandemie zu einem Revival von „Pulse of Europe“ kommen könnte: „Denn gerade in Krisenzeiten kann und muss sich ein solidarisches Europa bewähren. Und darauf gilt es aufmerksam zu machen.“ Um dagegen den Europagedanken an der Universität mit Leben zu füllen, war sie mehr als zwei Jahre als stellvertretende Vorsitzende bei den „Jungen Europäischen Föderalisten“ aktiv.


Durch ein Auslandssemester in Israel wiederum konnte Christine Weimann ihr bestehendes Interesse für Themen stärken, die von kulturellen und historischen Spannungsfeldern geprägt sind. Darüber hinaus war es ihr wichtig, neben ihrem Studium nicht nur akademische Erfahrungen zu sammeln, sondern auch Einblicke in weitere Politikfelder zu erhalten. Mit dieser Motivation hat sie während der vergangenen vier Jahre weitere Praktika absolviert, etwa in der Beratung für den öffentlichen Sektor bei PricewaterhouseCoopers, in der Konzernrepräsentanz bei der Volkswagen AG in Brüssel und in der Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft in Washington D.C., wo sie das Treffen der Finanzminister im Rahmen der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds mitvorbereitete und die deutsche Delegation auf hochrangiger internationaler politischer Ebene begleitete. An den vielen Ortswechseln – von Tel Aviv über Berlin und Brüssel nach Washington D.C. – ist Christine Weimann, wie sie selbst sagt, auch persönlich gewachsen.


„Meine Eltern haben mich in dem Glauben erzogen, dass alles möglich ist, und an der ZU habe ich Menschen kennengerlernt, die mein Potenzial gesehen haben und mich unterstützt haben, das Mögliche auch zu realisieren. Dadurch konnte ich mich persönlich und akademisch frei entfalten – dafür bin ich überaus dankbar!“