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01.11.2014

Marc Wallner

Von der Hauptschule an die Universität: Die Bildungskarriere von Marc Wallner ist außergewöhnlich und aufregend. Der 25-Jährige ist beispielhaft für eine gebrochene Biografie und Sinnbild dafür, dass sich Willensstärke und Tatendrang schlussendlich auszahlen. Derzeit studiert der ehemalige Pro-Gamer und Jugendbodybuilder den CME-Masterstudiengang an der ZU und zeigt dabei als junger Vater, wie Familie und Studium gemeinsam gelingen können.



Aufgewachsen ist Marc Wallner mit seinen beiden Geschwistern in einem kleinen Dorf namens Ollarzried nahe Memmingen. Dort zog es ihn in jungen Jahren zumeist in den nahegelegenen Wald. „Dort bin ich dann durchs Unterholz gestreift, auf Baumkronen geklettert und habe mich an Tiere herangepirscht“, erläutert Wallner. „Die Sicht auf die Natur als erdumspannenden Abenteuerspielplatz habe ich bis heute nicht abgelegt.“ Hinzu kam, dass seine Schulzeit nicht so verlief, wie es sein sollte. Denn zunächst wollte niemand seine Begabungen feststellen: Nach der Grundschule wurde Wallner auf die Hauptschule geschickt. „Intellektuelle Verwahrlosung und soziale Scherereien“, wie er es selbst nennt, machten die Schulzeit zu keinem angenehmen Erlebnis.


„Eine willkommene Abwechslung hingegen fand ich in der Welt der Videospiele“, sagt Wallner. Gemeinsam mit seinem besten Freund kämpfte er sich durch die verschiedenen Spielwelten, und aus dem anfänglichen Hobby wurde schnell ein ambitioniertes Interesse. Mit der Platzierung in der eigens für Gamer eingerichteten Electronic Sports League wurden mehrere namhafte Sponsoren auf die beiden aufmerksam: Ihre Spielleidenschaft war nun echtes Geld wert. Eine einträgliche, aber problematische Beschäftigung. „In unserer Gesellschaft kursieren recht viele Vorurteile über Videospiele“, ist sich Wallner bewusst. „Das Motiv der Zeitverschwendung ist da ein oft Genanntes. Die frappierende Qualität vieler Spiele hinsichtlich Narration, Ästhetik, atmosphärischer Gestaltung und musikalischer Untermalung wird dabei allerdings völlig unterschlagen. Darüber hinaus ist der Erfüllungsmoment, den man in der vollständigen Beherrschung einer Tätigkeit erfährt, auch in virtuellen Kontexten durchaus möglich. Meine Zeit als Videospieler betrachte ich daher keineswegs als vergeudet.“


Parallel zu seiner Videospielkarriere begann Marc Wallner, Gewichte zu stemmen und sein persönliches „Super Size Me“-Projekt zu starten. „Mein Bruder hat mich ins örtliche Fitnessstudio eingeführt, und seither ist Krafttraining fester Bestandteil meines Alltags“, erzählt er. Hartes Training und gute Genetik schufen im Laufe der Jahre eine imposante Physis. Neben dem Bodybuilding versuchte sich Wallner sporadisch, wenn auch ebenso intensiv, in anderen Sportarten. Etwa im Basketball und Fußball, im Skateboarding und Bergsteigen. Das fordert sein Bedürfnis nach Bewegung, Wettkampf und vor allem Grenzerfahrung: „Wenn ich Hantelstangen wuchte, zur Wurflinie vorpresche und Bergpässe durchschreite, dann durchflutet mich ein ganz besonderes Gefühl der Erfüllung. Treibe ich keinen Sport, dann fühle ich mich wirklich eines wesentlichen Teils meiner Identität beraubt.“


Seine schulische Leistung blieb von solchen Ambitionen allerdings unerreicht. „Ich habe zwar den Sprung auf die Realschule geschafft, meine Noten zeigten sich jedoch weiterhin bescheiden“, räumt Wallner ein. Zu mehr Arbeitseifer motivierte ihn erst seine Erfahrung als Nebenjobber im Gerüstbau. Stundenlanges Schleppen, Montieren und Abbauen von Stahlträgern: ein wahrer Knochenjob, den kaum jemand allzu lange ausüben möchte. An seinen Schulabschluss knüpfte er deswegen gleich eine Bankkaufmannslehre an: „Für mich war das der erste Kontakt mit betriebswirtschaftlichem und projektstrategischem Denken. Im Gegensatz zum Lernstoff der Schulzeit merkte ich: Das hat Relevanz, dort will ich mich weiterentwickeln.“


Und es war Inspiration genug für ihn, sein Fachabitur nachzuholen, um sich dann an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Augsburg in International Management einzuschreiben. Der gleiche Arbeitseifer, der ihm auf der Baustelle abverlangt wurde, kam ihm nun im Hörsaal zugute. Er wurde Jahrgangsbester in den ersten Semestern und von diversen Stipendienprogrammen aufgenommen. Für sein Auslandssemester qualifizierte er sich schließlich für die University of Warwick. Da diese Universität keine Austauschprogramme mit der Hochschule Augsburg unterhielt, überzeugte er kurzerhand als Freemover. Die Studiengebühren übernahm dabei die Studienstiftung des deutschen Volkes. „Meine Zeit in England war spannend und lehrreich. Sie hat mich intellektuell gefordert und in meiner Persönlichkeit gefestigt. Der Studienstiftung bin ich dafür sehr dankbar“, sagt Wallner.


Zurück in Deutschland, strebte er seinen Master an. Gleich fünf Business Schools, darunter die St. Andrews in Schottland und die ESADE in Barcelona, wollten den blonden Hünen unter ihren Studierenden wissen. Die Entscheidung fällte er aber schließlich zugunsten der ZU. „Überzeugt hat mich nicht nur der interdisziplinäre wie forschungsorientierte Ansatz des Studiums, sondern auch die Möglichkeit, Kultur- und Kommunikationswissenschaften im Minor zu studieren“, erklärt Wallner. Berufsrelevante Führungskompetenzen sind für ihn zwar praktisch und sinnvoll, den Zauber kritischer Kulturtheorie wollte er aber dennoch nicht missen. Wenig überraschend haben es ihm dahingehend vor allem die Game Studies angetan: „Konsolenspiele sind hauptsächlich kommerzielle Projekte, aber eben auch kulturelle Produkte und somit ideologische Artefakte. Kassenschlager sind deswegen nicht nur für Gamer interessant, sondern auch für Kulturwissenschaftler: als Diskursseismograf und Abbild sozialer wie kultureller Realitäten.“ In der Spielebranche tätig zu sein, das kann er sich auch für seine berufliche Zukunft vorstellen.


Bei allen Entscheidungskriterien bleibt aber eines nicht verhandelbar: das Wohl seiner Familie. Auch das Studium an der ZU war stark davon abhängig, inwieweit Friedrichshafen seinem Sohn eine sichere und kindgerechte Umgebung bieten kann. Für jene Artistik, Familie und Studium gleichzeitig zu meistern, wurde er bereits in Augsburg ausgezeichnet. Für die eigentliche Preisträgerin hält er allerdings seine Freundin. „Die Erziehung eines Kindes ist eine echte Herausforderung. Ohne meine Freundin hätte ich es niemals geschafft, Studium und Familie zu vereinen“, sagt Wallner.


Marc Wallner befindet sich aktuell im dritten Semester, es gilt also den nächsten Zeithorizont abzustecken. Für seine Familie, seinen beruflichen Werdegang und sein sportliches Interesse. Obwohl seine Zukunftsgestaltung nun viel Verantwortung mit sich bringt, will er sich nicht beirren lassen: „Der nächste Schritt ist sicher kein einfacher, doch freue ich mich auf die Herausforderung. Der amerikanische Psychotherapeut Alexander Lowen sprach einmal vom Glück als das Bewusstsein des Wachsens. Ich denke, es steckt viel Wahrheit in dieser Aussage.“