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01.06.2021

Noah Vinzens

Lange Zeit sah es so aus, als würde Noah Vinzens seine eingeschlagene Karriere als Berufsmusiker verfolgen und als Pianist die Bühnen der Welt erobern. Weltweit mehr als 50 Länder bereiste und bespielte er, der Master of Music im Hauptfach Klavier an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover war bestanden. Doch dann kam alles anders. Weil er sich mit den Mechanismen des Klassikmarktes nicht mehr abfinden wollte, will er diese nun in Wissenschaft und Praxis neu gestalten.

Foto: Zuzanna Specjal


Genauso wie seine Schwester das Cello und seine beiden Brüder die Bratsche und die Gitarre wollte Noah Vinzens schon immer Klavier spielen. Ob die ausgeprägte Musikalität des Urgroßvaters, das gemeinsame Singen und der Besuch von klassischen Konzerten mit der Familie oder das gegenseitige Anspornen durch die musizierenden Geschwister: Den einen Auslöser gibt es nicht für dieses tief in den Kindern schlummernde Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken. „Was vor allem wichtig und bis heute unverändert geblieben ist: dass wir uns in der Familie untereinander in allem unterstützen“, betont Vinzens. Im Alter von sechs Jahren erhielt er seinen ersten kontinuierlichen Klavierunterricht bei Klaus Eidmann und damit einem Schüler des bedeutenden Pianisten Walter Gieseking. „Meine Eltern haben keine Kosten und Mühen gescheut und mich einmal wöchentlich von Kassel nach Detmold gebracht, was hin und zurück drei Stunden Autofahrt bedeutet“, berichtet Vinzens.


Aufgrund einer fortschreitenden Erkrankung des Lehrers war der Klavierunterricht dort alsbald nicht mehr möglich, sodass Noah Vinzens auf die Musikakademie der Stadt Kassel wechselte, wo er mit gerade einmal zwölf Jahren in den Kreis der Jungstudierenden aufgenommen wurde. „Neben dem Klavierspiel und dem Dirigieren habe ich mich vorbereitend auf ein weiterführendes Studium auch mit Musiktheorie oder Gehörbildung befasst“, erläutert Vinzens.


Als sein Klavierlehrer Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover wurde, folgte Noah Vinzens ihm an die „Klavierhochburg“, wie er selbst sagt – und das zurecht: Denn dort unterrichteten zu dem Zeitpunkt weltbekannte Lehrkräfte wie der mittlerweile verstorbene Karl-Heinz Kämmerling oder Arie Vardi. Der exzellente Ruf der Hochschule hat jedoch zur Folge, dass sie Pianistinnen und Pianisten aus aller Welt anlockt. Zehn Bachelorstudienplätzen im Hauptfach Klavier stehen rund 300 Bewerberinnen und Bewerber gegenüber. „Entsprechend anspruchsvoll ist das Aufnahmeprozedere, das aus vier Prüfungen besteht. Das führt zu dem absurden Ergebnis, dass man bereits bei der Aufnahmeprüfung unglaublich gut sein muss, um sich von der Konkurrenz abheben zu können“, berichtet Vinzens, der sich einen der begehrten Studienplätze erspielte. „Dass ich mich gegen Pianistinnen und Pianisten durchgesetzt habe, die oftmals schon sehr früh die Schule abgebrochen haben und seit Jahren nichts anderes machen als den ganzen Tag Klavier zu spielen, hat vielleicht mit meinem musikalischen Verständnis zu tun. Ich habe Musik um der Musik willen gemacht und nicht, um mich möglichst fehlerfrei gegen andere zu behaupten“, erläutert Vinzens. „Ich denke, dass es am Ende nicht so sehr um technische Perfektion geht, sondern um die Botschaften und Emotionen, die durch die Musik vermittelt werden.“


In einem Bachelor und einem Master of Music im Hauptfach Klavier lernte Noah Vinzens viel über Musiktheorie, Gehörbildung, Operngeschichte, Instrumentenkunde und Musikvermittlung. Und selbstverständlich übte er Tag für Tag stundenlang auf dem Klavier. So manche Zeit investierte er auch in Meisterkurse sowie Wettbewerbe und Konzertreisen. Er spielte in weltweit mehr als 50 Ländern und ist seit seinem Erfolg beim Steinway Klavierwettbewerb Teil der Steinway Artist Familie, zu der namhafte Pianistinnen und Pianisten wie Lang Lang oder Diana Krall gehören. „Das Paradoxe, aber auch Schöne am Musikstudium ist, dass man im Optimalfall nebenher studiert, während der Fokus bereits im Studium auf der praktischen Ausübung des Berufs liegt, da es unabdingbar ist, schon in dieser Zeit ein eigenes Netzwerk und ein eigenes Portfolio aufzubauen“, erzählt Vinzens.


Nach dem bestandenen Masterstudium folgte die 180-Grad-Wende. „Obwohl oder vielleicht auch gerade, weil ich schon sehr erfolgreich als Berufsmusiker unterwegs war, wusste ich einen Tag nach meiner Abschlussprüfung, dass es so nicht weitergehen kann“, beschreibt Vinzens. „Mit einem Schlag wurde mir klar, dass ich lieber die Spielregeln des Klassikmarktes verändern möchte, als zu den Spielregeln mitzuspielen und dadurch erfolgreich zu sein.“ Mit den Spielregeln der klassischen Musikszene und den daraus resultierenden Missständen – wie die Überalterung des Klassikpublikums und das verstaubte Image der Klassik unter jungen Menschen – bestens vertraut, wollte er fortan diese Spielregeln mitgestalten. „Da ich wusste, dass es als Berufsmusiker kaum möglich ist, Veränderungen herbeizuführen, musste ich mir zwangsläufig alternative Wege suchen.“


Immerhin wusste er aus eigener Erfahrung, dass Kulturmanagement einer dieser alternativen Wege sein könnte. Bereits im Studium wollte er als Gastkünstler auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern, doch die Gegenseite war mehr daran interessiert, Noah Vinzens als Musikalischen Leiter zu gewinnen. „Diese einmalige Chance, mir manageriale Fähigkeiten anzueignen, konnte ich mir nicht entgehen lassen“, schildert Vinzens. Nach einer kurzen Übergabe ins kalte Wasser geschmissen, organisierte und leitete er das gesamte Entertainment an Bord – und das so gut, dass er auf einem weiteren Kreuzfahrtschiff eingesetzt wurde. „Glücklicherweise aber habe ich den Absprung zurück an Land geschafft, ansonsten hätte ich mein aufgebautes Netzwerk über Bord werfen können“, sagt Vinzens.


Doch nicht nur wegen seines Netzwerks kehrte Noah Vinzens an Land zurück, sondern auch, um die erlebten praktischen Impulse mit einem weiteren Masterstudium zu untermauern und auszubauen. „Auf der Suche nach einem Masterstudiengang kam mir die ZU in den Sinn, denn dort hatte ich Jahre zuvor zwei Klavierkonzerte gegeben“, erzählt Vinzens. „Und glücklicherweise war gerade mit dem AMC ein Masterprogramm gestartet, in dem es darum geht, seine Gedanken neu zu ordnen und sich noch unbekannte Zugänge zu erschließen sowie das gelernte interdisziplinäre Wissen in der Praxis auszuprobieren und im wissenschaftlichen Arbeiten zu vertiefen – also genau das, was ich suchte.“


Dann ging alles ganz schnell: Im Juli schloss er den Klaviermaster in Hannover ab, im September nahm er den Master an der ZU auf. Nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis ergründete er das Konzerterleben in all seinen Facetten. In seiner Masterarbeit näherte sich Noah Vinzens philosophisch-phänomenologisch der Frage, was Musik zur Musik macht, also was es braucht, um aus Schallwellen Musik werden zu lassen und was das subjektive Empfinden damit zu tun hat. Das vertiefte Arbeiten an einem Thema hat es ihm so angetan, dass er sich nun eine Promotion vorstellen kann, in der er in die Seele des Klavierspielers und des Klavierspiels blicken möchte.


„Als Kulturmanagerinnen und Kulturmanager müssen wir die seit rund 300 Jahren gepflegten Konzertrituale hinterfragen und verändern“, sagt Vinzens. „Und es braucht in den meisten Fällen nur kleine, aber feine Details, um ein komplett neues Konzerterleben zu schaffen und auch junge Menschen für die Klassik zu begeistern: sei es, dass man kreativ mit dem Raum, mit dem Ton oder mit dem Licht spielt.“ Genau das macht Noah Vinzens seit einigen Jahren als Vorstandsvorsitzender des Wolfshäger Steinway e.V. und als Künstlerischer Leiter des Steinway-Festivals Wolfshagen im Harz, dem Geburtsort des Gründers von Steinway & Sons Heinrich E. Steinweg. Dann kommt es schon mal vor, dass der Künstler eben nicht auf einer erhöhten Bühne vor dem Publikum seinen Platz einnimmt, sondern mittendrin, sodass die Atmosphäre einem Wohnzimmerkonzert gleicht; oder dass das traditionelle Weihnachtsoratorium mit modernen Klanginstallationen verknüpft wird. „Was ich an der ZU gelernt habe und wofür sie steht, ist, dass Theorie und Praxis eng miteinander verflochten sind. Es braucht beides, vor allem aber hat sich herausgestellt: Ich brauche beides.“


Noah Vinzens hat sich jedenfalls seinen Traum vom eigenen Festival erfüllt und es geschafft, die Mitgliederzahlen des Vereins zu erhöhen, neue Sponsoren zu gewinnen und die Besucherzahlen des Festivals zu steigern. Doch mit der Corona-Pandemie änderte sich alles. Hart getroffen von der Krise, blickt Noah Vinzens aber nicht nur auf sein eigenes Festival, sondern auch auf andere Kulturschaffende, die mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen haben. „Als sich die Lage zugespitzt hat, ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass die Kultur im Gegensatz zur Autoindustrie oder zum Sport keine gleichwertige Lobby hat“, bemerkt Vinzens, der sich als Sprecher für das Forum Musik Festivals engagiert, das zum Sprachrohr für mehr als 100 Festivals geworden ist. „Das Forum bietet eine Plattform, sich über die eigenen Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Positionspapiere zu erarbeiten und an die Bundesregierung zu kommunizieren“, erläutert Vinzens.


Und die politische Arbeit trägt erste Früchte: Der Initiator Tobias Wolff hat mittlerweile an mehreren Gesprächsrunden mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters teilgenommen, und Noah Vinzens arbeitet inzwischen als Berater und Gutachter für NEUSTART KULTUR – das von der Bundesregierung aufgelegte milliardenschwere Rettungs- und Zukunftsprogramm für den Kultur- und Medienbereich. Dort berät er Antragsstellende und prüft eingegangene Anträge. „Die zahllosen Anträge sind zugleich erschütternd und ermutigend. Denn sie zeigen mehr als deutlich, wie viel in der deutschen Kulturlandschaft brachliegt, sie zeigen aber auch, wie vielfältig das Kulturangebot in Deutschland ist“, kommentiert Vinzens. „Ich hoffe, dass es diese Vielfalt ist, die nach der Krise bleibt.“