mehr Informationen zu ZU|Daily
 
Auf dieser Seite
Fragen?
Ihre Frage:
 
01.03.2019

Carolin Strehmel

Das Leben von Carolin Strehmel bewegt sich bislang zwischen Musik und Sozialunternehmertum. Seit Kindesbeinen spielt sie Geige und hat damit Schul-, Landes- und Universitätsorchester begleitet. Während ihres Bachelorstudiums an der Freien Universität Berlin kam es dann zur Gründung von „Über den Tellerrand“, einem Verein, der Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zusammenbringt. Seither hat sie das Thema Sozialunternehmertum gepackt, was sich darin ausdrückt, dass sie an der ZU bei der studentischen Initiative „Social Minders“ mitwirkte, sich in ihrer Masterarbeit mit dem Label Social Entrepreneurship auseinandersetzte und nun dabei ist, eine Sexualkunde-App zu entwickeln.



Carolin Strehmels größte Leidenschaft galt lange Zeit der Musik. „Das hat einen familiären Hintergrund“, erwähnt Strehmel. „Meine Mutter spielt Cello, arbeitet als Musikschullehrerin und engagiert sich in der musikalischen Früherziehung.“ So lernten sie und ihre zwei Schwestern bereits früh, ein eigenes Instrument zu spielen: Bei Carolin Strehmel war es die Geige – garniert mit einer Portion Klavier und Gesang. Mit der Geige begleitete sie während ihrer Gymnasialzeit nicht nur das Schulorchester, sondern auch das Landesjugendorchester sowie die Junge Kammerphilharmonie NRW. „Neben dem Gemeinschaftsgefühl haben mich vor allem die Konzertreisen etwa nach China oder Portugal begeistert“, erläutert Strehmel. Darüber hinaus nahm sie mehrmals am Wettbewerb „Jugend musiziert“ in der Wertung Klaviertrio teil und erhielt dabei unter anderem den zweiten Preis auf Bundesebene.


Während ihre Schwestern nach dem Abitur an eine Musikhochschule gingen, entschied sich Carolin Strehmel in letzter Minute gegen ein Musikstudium. „Meine Geigenlehrerin war zugleich Konzertmeisterin, und so habe ich in Gesprächen immer wieder erfahren, wie sich das professionelle Orchesterleben in der Realität gestaltet“, berichtet Strehmel. „Dabei fielen oft die Wörter Studienabbruch, Stellenabbau, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, was bei mir Desillusionierung erzeugte.“


Weil bei ihr neben der Musik Sprachen und Literatur hoch im Kurs standen, entschloss sie sich für ein Bachelorstudium in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin – und für die Nebenfächer Französische Philologie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Zwei Jahre stürzte sie sich ins Studium, war mit ihrer Studienwahl aber keineswegs glücklich. „Auch wenn die Kurse für einzelne Spannungsmomente sorgten, so habe ich für mich nie eine berufliche Perspektive ausmachen können“, erklärt Strehmel.


Projekte mussten also her – oder anders ausgedrückt: Abwechslung. So arbeitete sie etwa als ehrenamtliche Sprecherin bei atz Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde. Und weil in dieser Lebensphase die Musik weiterhin einen wesentlichen Bestandteil ihres Lebens bildete, spielte sie im Collegium Musicum Berlin, nahm am Liebhaberorchesterprojekt unter Sir Simon Rattle teil und engagierte sich bei Musiker ohne Grenzen in der ghanaischen Hauptstadt Accra, um in Schulen Musikunterricht zu geben. „Auch wenn die Bedingungen vor Ort die Arbeit erschwert haben, so war ich doch erstaunt, wie viel wir erreicht haben und wie schnell die Schülerinnen und Schüler ihr erstes Stück aufführen konnten“, bemerkt Strehmel.


Mit der Zeit zeichnete sich an ihrem Horizont ein weiteres Interessensgebiet ab: Sozialunternehmertum. Und das kam so: In den ersten Semestern an der FU Berlin belegte sie im Studienbereich Allgemeine Berufsvorbereitung wirtschaftswissenschaftliche Zusatzkurse und stieß dabei auf den Funpreneur-Wettbewerb, bei dem es darum geht, eine eigene Studentenfirma zu gründen. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin überlegte sie sich eine Gründungsidee. „Da zu dem Zeitpunkt die Flüchtlingsthematik mitten in Berlin angekommen war, kamen wir auf die Idee, ein Kochbuch herauszubringen, in dem wir Rezepte und Lebensgeschichten der Asylsuchenden sammeln und vorstellen“, skizziert Strehmel. „Über den Tellerrand“ war geboren.


Nach dem ersten Pitch in einem Workshop verdoppelte sich die Teamgröße, nach nur wenigen Wochen erschien das Kochbuch (mit einer Auflage von 400 Exemplaren) – eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Wettbewerb. Ähnlich schnell stellte sich ein erster Erfolg ein: Die Bücher waren rasch vergriffen, das Team gewann den ersten Preis, den Pressepreis und den Publikumspreis.Als dann auch noch auf der Startseite von SPIEGEL ONLINE ein Bericht über das Buchprojekt erschien, konnten sich Carolin Strehmel und ihre Mitstreiter vor Anfragen und Bestellungen kaum noch retten. „Nach dem Wettbewerb war das Ganze für uns eigentlich vorbei“, bemerkt Strehmel. „Doch nach den vielen positiven Rückmeldungen war uns klar, dass es das nicht war.“ Bereits einen Monat später stand der Nachdruck von mehreren Tausend Exemplaren an; die Bücher stapelten sich in der WG und wurden von dort aus in die ganze Republik verschickt. Die Gründung nahm Konturen an, ein Social-Start-up entwickelte sich.


In den nächsten Monaten folgten bei diversen Wettbewerben weitere Auszeichnungen mit Preisgeldern. „Das Highlight war allerdings die Aufnahme ins Social Impact Lab in Berlin. Denn dort konnten wir von vielfältigen Angeboten wie Beratung, Coaching, Netzwerk und Co-Working profitieren“, sagt Strehmel. Nach zwei Jahren schließlich schied Carolin Strehmel aus dem Vorstand aus, um sich ihrem Studienabschluss zu widmen – „aber selbstverständlich in dem Wissen, dass das Start-up in genauso enthusiastischen Händen ist und bestehen bleibt.“


„Während der gesamten Gründungsphase habe ich gedacht: Hätte ich doch nur mehr Verständnis und Wissen im Bereich Wirtschaft“, bemerkt Strehmel. Da kam die ZU mit ihrem GEMA-Master ins Spiel: „Der Slogan ,BWL für Nicht-BWLer‘ hat mich natürlich sofort angesprochen.“ Und sie verrät: „Im Gegensatz zu meinem Erststudium war es diesmal die Wahl für ein Studium und nicht die Wahl für eine Stadt.“


In und neben ihrem Studium an der ZU drehte sich erneut viel um das Thema Sozialunternehmertum. So übernahm sie den Vorsitz der studentischen Initiative „Social Minders“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Gedanken von Social Entrepreneurship weiterzutragen und darüber aufzuklären. Außerdem befasste sie sich mit diesem Thema in ihrer Masterarbeit. „Darin habe ich mittels einer Umfrage untersucht, welchen Einfluss das Label Social Entrepreneurship auf das Kaufverhalten von Konsumenten hat und was die Befragten unter dem Begriff Sozialunternehmertum überhaupt verstehen“, erläutert Strehmel.


Aufklärungsarbeit an ganz anderer Stelle leistete sie als Diversitätsbeauftragte. „Dabei war mir wichtig zu zeigen, dass das Amt seine Berechtigung hat und das Thema Diversität einem ständigen Anpassungsprozess unterworfen ist“, sagt Strehmel. So stand sie als Vorsitzende der AG Diversität vor und als Ansprechpartnerin für alle Mitstudierenden zur Verfügung – und sie organisierte einen Diversity Day mit, in dessen Zentrum die Vielfalt an Lebensrealitäten an der ZU stand.


Aufzuklären und Neues herausfinden: Das ist etwas, was Carolin Strehmel auch mit zwei anderen Projekten verfolgt (hat). Einerseits hat sie im Rahmen von „Think Big“, einem Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Workshops an weiterführenden Schulen organisiert und moderiert, um Schülerinnen und Schülern digitale und soziale Themen näherzubringen und mit ihnen gemeinsam sozial-digitale Projekte zu entwickeln. Außerdem arbeitet sie aktuell mit einer Kommilitonin an einer Sexualkunde-App. „Die Idee dazu ist daraus entstanden, dass uns selbst im Freundeskreis aufgefallen ist, dass viele an längst widerlegte Mythen glauben. Noch problematischer ist aber, dass diesbezüglich selbst Lehrkräfte nur mangelhaft ausgebildet sind“, erzählt Strehmel. „Daher entwickeln wir gerade eine App, die sowohl Lehrenden als auch Lernenden mit von Ärzten verständlich erklärten Informationen zur Verfügung stellt und so richtig aufklärt.“ Um sich selbst weiteres Wissen anzueignen, begibt sich Carolin Strehmel – ausgestattet mit einem Stipendium der Hans Weisser Stiftung und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft – demnächst nach New York, um an einer Summer School über „Health & Human Rights“ teilzunehmen.


Inzwischen zeigt sich: Auch wenn Carolin Strehmel im ZU-Chor aktiv war, die erste Geige spielen bei ihr heute andere Themen als die Musik.