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01.01.2019

Louisa Singer

Offen gegenüber fremden Kulturen zu sein, nicht in Schubladen zu denken und den eigenen Horizont durch Begegnungen, Reisen und das Erlernen von Sprachen zu erweitern: Genau so würde Louisa Singer die Frage beantworten, was ihr neben Familie und Gesundheit als wichtig erscheint. Damit lässt sich auch erklären, warum ihr Herz beim Thema Transkulturalität höher schlägt, warum sie jahrelang die studentische Initiative welt_raum mitgestaltet und in Uganda geforscht hat oder bei der Stiftung Weltethos mitarbeitet.



„Das Interesse an unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Sprachen ist bei mir zum einen durch meine sprachbegeisterte Mutter und zum anderen durch unzählige Reisen mit meiner Familie ins europäische Ausland entstanden und schrittweise gewachsen“, erzählt Singer. So verbrachte sie immer mal wieder mehrere Wochen in Frankreich, zunächst aufgrund bestehender familiärer Kontakte, später über das Deutsch-Französische Jugendwerk. „In diesen Phasen habe ich sehr viel über die deutsch-französischen Beziehungen und die deutsch-französische Freundschaft gelernt“, bemerkt Singer. Für die Eltern stand darüber hinaus nicht nur eine gute Bildung, sondern auch eine liberale christliche Erziehung ihrer Tochter hoch im Kurs. „Das hat sich auch darin geäußert, dass meine Familie in der evangelischen Gemeinde aktiv war, aber nicht wegen der religiösen Überzeugung, sondern um des guten Zwecks willen.“ In den Gemeindestrukturen fest verankert, leitete und betreute Louisa Singer eine Jungschar- sowie mehrere Sternsingergruppen und begleitete die Gottesdienste – musikalisch wie organisatorisch.


Während der Oberstufe auf dem Gymnasium widmete sich Louisa Singer verstärkt den Sprachen, daneben der Wirtschaft und weniger der Politik. Für ihre hervorragenden Leistungen im Abitur heimste sie gleich drei Auszeichnungen ein: den Scheffelpreis im Fach Deutsch, den Abiturpreis der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und den Fachpreis Wirtschaft.


Bereits vor dem Abitur stand für Louisa Singer fest, dass sie an der ZU studieren möchte. „Ich war begeistert von dem Studienkonzept und wollte an einem Ort studieren, an dem die Mitstudierenden engagiert, motiviert, begeisterungsfähig und aufgeschlossen sind“, begründet Singer ihre Studienwahl. Doch warum gerade PAIR, also Politik-, Verwaltungswissenschaft & Internationale Beziehungen? „Schon lange vor dem Abitur hat sich ein Thema herauskristallisiert, das mich nicht mehr losgelassen hat: das Projekt Europa und damit das friedliche Zusammenleben von verschiedenen Kulturen und Nationen – und genau dieses Themenfeld ist Teil des PAIR-Bachelorprogramms an der ZU“, erläutert Singer.


Den Platz an der ZU sicher, absolvierte Louisa Singer vorab einen Freiwilligendienst in Kanada, um sich an einer Waldorfschule in Montréal sozial zu engagieren. Viele inspirierende Momente und Begegnungen später – und das in einer von Multikulturalität strotzenden Metropole – wurde ihr bewusst: „Auch wenn ich mich bereits zuvor mit religiösen, vorwiegend jedoch christlichen Themen beschäftigt habe, so habe ich in Kanada erstmals verschiedene Religionen hautnah erlebt“, erzählt Singer. „Jede neue Erfahrung wiederum hat mein Interesse erweitert und vor allem gezeigt, wie Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen friedlich zusammenleben können.“


Wie wirkt sich der Freiwilligendienst auf die Einstellungen und Werte sowie das Engagement von Teilnehmenden aus? Welchen gesellschaftlichen Mehrwert haben diese Programme also? Diese Fragen bearbeitete Louisa Singer gemeinsam mit weiteren Kommilitoninnen und Kommilitonen gleich zu Beginn ihres Studiums im Rahmen des Zeppelin-Projekts. Das Besondere dabei: Die Ergebnisse fanden auch Eingang in das Journal „Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste“.


Dabei zeigte sich, dass Rückkehrende immer noch eine hohe Bereitschaft an den Tag legen, sich zu engagieren. So auch Louisa Singer. Vom harmonischen Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in Montréal inspiriert, wollte sie bei der studentischen Initiative welt_raum mithelfen, durch wechselseitige Wertschätzung geprägte Räume in Friedrichshafen zu schaffen, in denen sich Geflüchtete und Bürgerinnen und Bürger begegnen, voneinander lernen und miteinander teilen. Aus ersten Teilnahmen an Sitzungen, Veranstaltungen und Ausflügen wurde schnell ein Herzensprojekt, was auch dazu führte, dass sie schließlich Vereinsvorstand wurde. „Dass ich mich so sehr für geflüchtete Menschen engagiere und mich für deren Herkunft und deren Geschichten interessiere, hat wohl auch damit zu tun, dass meine Großeltern als Aussiedler nach Deutschland während des Zweiten Weltkriegs einen Fluchthintergrund und mir schon früh ihre Geschichten darüber erzählt haben“, erwähnt Singer. Während ihrer Zeit bei welt_raum erlebte sie, wie Menschen in einer fremden Kultur ankommen, die Sprache erlernen, eine Arbeit suchen und finden und so nach und nach Fuß fassen: „Diese Wege begleiten zu dürfen, macht mich stolz und glücklich.“


Was ihr bei ihrer Arbeit für welt_raum ebenso am Herzen lag, war die Vernetzung mit den städtischen Akteuren und anderen studentischen Initiativen. Als Vorstand von welt_raum war sie zugleich Mitglied der Steuergruppe des Netzwerks „Bürgerschaftliches Engagement Bodenseekreis“, die versucht, das Ehrenamt zu stärken. Außerdem begleitete sie das politische Dialogprojekt „Frühstücksbus“ der Initiative Frühlingserwachen und trat als Mitorganisatorin der „Pulse of Europe“-Veranstaltungen in Friedrichshafen in Erscheinung. Mit Fragen rund um die Themen Europa und Migration befasste sich Louisa Singer auch in den ersten Semestern ihres Studiums an der ZU sowie in ihrem Auslandssemester an der Sciences Po in Reims, wo sie sich besonders auf die europäische Handelspolitik fokussierte und als Kurssprecherin unter anderem eine Exkursion zum Europäischen Parlament nach Brüssel organisierte.


Ausgelöst durch die zahlreichen Gespräche mit muslimischen Geflüchteten, die sich auch um das Thema „Glaube“ drehten, verstärkte sich bei Louisa Singer das Interesse am Verständnis und Zusammenspiel von verschiedenen Glaubensrichtungen. Daher entschied sie sich, nach Marokko und Spanien zu reisen – auf den Spuren von Christentum und Islam. „Dabei ist mir eines der Bücher des Theologen und Weltethos-Begründers Hans Küng in die Hände gefallen, in denen er die gemeinsamen Wurzeln und Werte der Weltreligionen herausarbeitet“, berichtet Singer. Dadurch wurde sie auf die Stiftung Weltethos für interkulturelle und interreligiöse Forschung, Bildung und Begegnung aufmerksam, bei der sie schließlich ein mehrmonatiges Praktikum absolvierte. Dabei kam sie auch in Berührung mit dem Projekt „World LAB – Interkulturelles Werteprojekt an beruflichen Schulen“, das sie auch heute noch als Teamerin und Assistentin tatkräftig unterstützt.


Was mit ihren Aufenthalten in Kanada und Marokko begann, setzte sich beim Praktikum im Referat für Wissenschaft, Forschung, Bildung und Technologie bei der Deutschen Botschaft im südafrikanischen Pretoria weiter fort: Louisa Singers eurozentrische Sichtweise nahm Stück für Stück ab, während ausländische Perspektiven auf Europa zunahmen. Auch deshalb begab sie sich auf eine vom LEIZ organisierte zehntägige Forschungsreise nach Uganda, um sich wissenschaftlich mit dem Thema Zivilgesellschaft auseinanderzusetzen, sowie auf eine zehntägige interreligiöse Studienreise nach Israel und Palästina, die vom Evangelischen Studienwerk Villigst ausgerichtet wurde.


Aus dem Forschungsaufenthalt in Uganda sowie ihren Erfahrungen im Bereich Migration leitet Louisa Singer möglicherweise auch ihre Fragestellung für ihre Bachelorarbeit ab: „Es könnte durchaus sein, dass ich mich darin mit der Rolle religiöser NGOs in der globalen Migrationspolitik beschäftige“, erläutert Singer. Und was kommt nach dem Bachelorstudium? „Nach meinem Bachelorstudium möchte ich nun nicht mehr – wie lange mein Traum war – am College of Europe in Brügge studieren, sondern einen Master im Bereich Internationale Beziehungen und Global Governance machen, um noch mehr über die Zusammenarbeit von Staaten sowie der Rolle von NGOs in der internationalen Politik zu erfahren und meinen Horizont zu erweitern“, verrät Singer. „Ich war lange Zeit nur auf Europa fokussiert. Mit meinen Reisen in andere Teile der Welt ist auch die Welt in meinem Kopf größer geworden.“