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01.11.2013

Lucie Scupin

Barbie, Polly Pocket, Fisher-Price – was für den einen glückliche Erinnerungen an die Kindheit sind, wurden für Lucie Scupin nach dem Abitur zwischenzeitlich Lebensinhalt. Als ausgebildete Kauffrau für Marketingkommunikation betreute sie ein Jahr lang Mattel. Als sie schließlich an der ZU einen Studienplatz bekam, entschied sie sich zuerst einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Jerusalem zu absolvieren. Heute studiert die 22-Jährige im zweiten Semester Kultur- und Kommunikationswissenschaften.


Lucie Scupins Kindheit und Jugend kann man als turbulent bezeichnen: Mit sechs Jahren zog es sie und ihre Familie nach Warschau, wo sie auf der Deutschen Schule Warschau unterrichtet wurde. Als die Familie sechs Jahre später ins Saarland zurückkehrte, kam sie mit der neuen Schule nicht so gut klar. „In Warschau hatten wir Ganztagsunterricht und haben unsere ganze Freizeit an der Schule verbracht“, zeigt Scupin die Unterschiede auf. „Jungs und Mädchen haben gemeinsam Fußball gespielt, das war selbstverständlich. In Deutschland gab es dann auf einmal Freundschaftscliquen und es wurde viel übereinander geredet. Es war auf einmal wichtig, was man anzog, und mit Jungs konnte man als Mädchen auch nicht einfach befreundet sein. Da galt man direkt als verliebt.“ Schließlich wurde sie Kurs- und Schulsprecherin, auch weil sie sich für die Bildungspolitik interessierte: In Warschau hatte sie ein aus ihren Augen perfektes Schulsystem kennengelernt, das nach dem deutschen Lehrplan unterrichtete. „Ich war so enttäuscht von der Schule in Deutschland, dass ich immer dachte: ‚Das muss doch anders, das muss doch besser gehen‘“, erzählt Scupin. „In Warschau korrigierten begabte Schüler in Mathematik die Lösungsbücher der Lehrer, in Deutschland wurde in der Klasse verboten, Aufgaben zu rechnen, bei denen der Lehrer noch nicht war. Total demotivierend und absolut nicht förderlich für das Interesse und die Neugierde von jungen Schülern.“


Nach dem Abitur zog Scupin aus dem Saarland fort: „Ich wollte raus in die weite Welt und landete in Frankfurt“, sagt sie. Die Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation gab ihr das Gefühl, dass das, was man in der Theorie lernte, auch tatsächlich in der Praxis benötigt wurde. Bei ihrer Agentur bekam sie einen großen Spielraum, wie viel sie machen und wie viel Verantwortung sie übernehmen wollte. Sie war 18 Jahre alt und durfte weitgehend eigenverantwortlich Projekte in der Kundenberatung betreuen. „Noch heute hängt mir der Barbie-Glitzerstaub in den Haaren, weil ich ein Jahr lang in der Kundenberatung für Mattel gearbeitet habe und mich hauptsächlich um die Mädchenprodukte gekümmert habe“, berichtet Scupin. „Das war schon eine super tolle Erfahrung, weil ich so viel machen konnte: Nach vielen Stunden in der Tonaufnahme für die deutschen TV-Spots hatte ich immer Ohrwürmer von den melodischen Gesängen.“


Während der Ausbildung wurde Scupin klar, dass sie noch studieren möchte. „Ich wollte noch etwas für meinen Kopf tun. Die Praxis wurde schnell zur Routine“, erklärt sie. Nach einer ersten Ablehnung beim Auswahlverfahren an der ZU gab sie sich jedoch nicht auf: „Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Vor meiner Bewerbung habe ich mir die ZU unglaublich gut angeschaut, habe mit vielen Studierenden gesprochen und bin mehrmals an den Bodensee gereist. Ich hatte mir das gut überlegt“, berichtet sie. Sie versuchte es noch einmal und bekam den begehrten Studienplatz in Friedrichshafen.


Dann gab es jedoch ein Problem, weil sie gleichzeitig das Angebot für einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Jerusalem bekam. „Ich habe gedacht, dass es blödsinnig ist, seine Träume immer aufzuschieben, weil man nie weiß, was noch kommen wird. Aus diesem Grund habe ich alles, was ich machen wollte, sofort gemacht“, sagt Lucie Scupin. Sie ging nach Israel und betreute schwerst-mehrfach behinderte Erwachsene und Kinder. „Ich war auf einmal mitten in Israel, habe die Menschen sofort ins Herz geschlossen und innerhalb von kürzester Zeit die Sprache gelernt“, erzählt Scupin. „Ich war glücklich dort, weil Israel ein Land ist, indem die Menschen bewusst leben, trotz aller Schwierigkeiten immer gut drauf sind und eine positive Lebenseinstellung haben.“ Wie schnell das Leben vorbei sein kann, erlebte sie am eigenen Leib, als im November Jerusalem beschossen wurde, der Luftalarm ertönte und sie den Luftschutzbunker mit den Nachbarn aufsuchte. „Ich war total geschockt, weil ich gemerkt habe, dass Luftalarm bedeutete, dass du anderthalb Minuten Zeit hast, um den Bunker zu erreichen.“ Am nächsten Tag erklang der Luftalarm, während sie bei der Arbeit war. „Jetzt weiß ich, wie man innerhalb von 90 Sekunden 70 schwerst-mehrfach behinderte Kinder, die nicht laufen können, evakuiert. Das ist ein Ereignis, das ich nie vergessen werde. Da habe ich gemerkt, dass das Leben einfach schnell vorbei sein kann. Von da an wusste ich, dass ich mein Leben, egal wie lange es sein wird, immer bewusst leben möchte. Ich möchte mich zurückblickend nicht darüber ärgern, was ich nicht gemacht habe.“


Als sie dann im Januar zurück nach Deutschland kam, begann sie mit dem Studium an der ZU. Sie fing sofort an, sich bei Projekten zu engagieren. „Ich bin ein Mensch, der sich schnell langweilt“, erklärt Scupin. Die Situation an der ZU hält sie für einzigartig: „Es hat mich verblüfft, dass ich an so vielen Projekten mitarbeiten konnte, bei denen ein so großes Vertrauen in die Studierenden gesteckt wird. Nie zuvor habe ich erlebt, dass Kritik so offen angehört wird und ein so gutes Verhältnis zwischen den Mitarbeitern und den Studierenden besteht.“ Rückblickend war vor allem die Organisation der Einführungswoche eine tolle Erfahrung: „Wir waren mit 250 Studierenden im Schwarzwald zelten. Es war unglaublich, wie eng alle zusammenhalten und welche Verbindung untereinander existiert.“


Neben der Uni, den Studierenden und ihren Projekten ist Lucie Scupin die Familie sehr wichtig. Auch wenn ihre drei Schwestern und sie seit 2004 nie zur selben Zeit im selben Land gewohnt haben, sind sie doch ein fester Bezugspunkt in ihrem Leben: „Wir inspirieren uns gegenseitig und lernen viel aus unseren gesammelten Erfahrungen. Meine Familie, die ich unglaublich schätze, ist etwas Garantiertes im Leben: Du kannst alles in deinem Leben ändern, aber deine Familie eben nicht“, sagt sie. „Es ist einfach schön, so einen festen Bezug zu haben und zu wissen, dass einem nichts passieren kann, weil die Familie immer für einen da ist. Auch ich werde immer zuerst für meine Familie da sein. Und dann kommt alles andere.“