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01.01.2020

Lea Schuler

Dass Lea Schuler gut mit Menschen kann, würde jeder aus ihrem engeren Familien- und Freundeskreis bestätigen. Bereits vor und nach dem Abitur hat sie für den Arbeitskreis Asyl in ihrer Heimatstadt Weinheim und im Norden Griechenlands Flüchtlingsarbeit geleistet und dabei enge Bindungen zu den Geflüchteten entwickelt. Dennoch hat sie sich nicht für ein Studium in Soziale Arbeit, sondern bewusst für den PAIR-Bachelor an der ZU entschieden. Was aber keineswegs bedeutet, dass damit ihr Engagement zum Stillstand kam – im Gegenteil.



Weil Lea Schuler den Drang und die Lust verspürte, sich außerhalb des Schulalltags sozial und sinnvoll zu engagieren, reagierte sie auf einen Aushang des Arbeitskreises Asyl Weinheim, der auf der Suche nach Schülerinnen und Schülern war, die Grundschulkindern mit Migrationshintergrund Nachhilfe geben. „Mich hat vor allem das Konzept begeistert, sprach- und bildungsbenachteiligten Familien durch Unterstützungsangebote eine bessere Integration zu ermöglichen“, berichtet Schuler. Über einen Zeitraum von einem Jahr hat sie einmal die Woche einem serbischen Mädchen – und manchmal auch ihrem kleinen Bruder – Hausaufgabenhilfe gegeben. „Genauso wie die Familie war ich dann unglaublich stolz und froh, dass sie es auf die Realschule geschafft hat“, bemerkt Schuler.


Das Bedürfnis, sich auch in den Bereichen Nachhaltigkeit und Umwelt zu engagieren, konnte Lea Schuler wiederum bei der Jugend-Aktionsgruppe Mannheim-Heidelberg von Greenpeace stillen. „Das war nicht nur spannend, weil wir zu Greenpeace-Kampagnen wie ,Save the Arctic‘ kreative Protestformen auf die Straße brachten, sondern auch, weil ich dort Gleichaltrige kennengelernt habe, die unfassbar politisch aktiv, enthusiastisch und weitdenkend waren“, erklärt Schuler. „Dieses Umfeld hat mich motiviert, tiefer in die Materie der Politik einzutauchen.“


Eine kurze Pause vom Engagement gönnte sich Lea Schuler nur in der Abiturphase, anschließend legte sie ein Gap Year ein, um wieder ans (soziale) Werk zu gehen. „Ich habe mich bewusst für das Lückenjahr entschieden, weil ich noch unschlüssig war, ob ein Studium in Soziale Arbeit oder in Politikwissenschaft für mich in Frage kommt“, erläutert Schuler. „Außerdem ist durch die damals drastisch ansteigenden Flüchtlingsbewegungen das Migrationsthema stärker in meinen Fokus geraten, was mich dazu bewegt hat, in diesem Bereich wieder aktiv zu werden.“


Lea Schuler erinnerte sich an den Arbeitskreis Asyl, der gerade dringend helfende Hände in der ersten Gemeinschaftsunterkunft vor Ort benötigte. Anfangs in einer Ehrenamtsgruppe tätig, die sich um die Betreuung von geflüchteten Kindern kümmerte, füllte sich ihr Aufgabenkalender stetig, ihre persönlichen Bindungen zu den Geflüchteten wurden zusehends enger. Von einem zwischenzeitlichen Interrail-Trip durch Osteuropa zurückgekehrt, eröffnete in der Stadt eine weitere, weitaus größere Gemeinschaftsunterkunft, in der Lea Schuler plötzlich mit anderen Ehrenamtlichen die Organisation übernahm. „Es ging darum, den in Bussen frisch ankommenden Geflüchteten Zimmer zuzuteilen und zu registrieren; wer ärztliche Versorgung braucht; es ging darum, Spenden zu sortieren und zu verteilen, ehrenamtliche Sprachkurse und Willkommenskreise zu koordinieren, in allen Belangen Ansprechpartner zu sein sowie die Geflüchteten auf Ämter und zu Ärzten zu begleiten“, berichtet Schuler. Zu guter Letzt war sie in mehreren Gemeinschaftsunterkünften unterwegs. „Die Zeit hat mich sehr geprägt und aufgewühlt, da ich viel mit den persönlichen Geschichten und Schicksalen von den geflüchteten Menschen aus ganz verschiedenen Ländern konfrontiert war.“


Allmählich wurde es ihr zu viel, sie brauchte Abstand zu den Menschen, zur Stadt – das Thema jedoch konnte sie nicht einfach beiseiteschieben. Sie reiste in den Norden Griechenlands, um dort die Arbeit der Hilfsorganisation Frankenkonvoi im Flüchtlingscamp Vasilika zu unterstützen. Dort half sie mit, die Lücke zwischen den Geflüchteten und den Behörden zu schließen, und versuchte, die Menschen in Gesprächen von ihrer misslichen Lage abzulenken. „Die Situation vor Ort war dramatisch, weil die Geflüchteten eine ungewisse Zukunft vor sich hatten, was daran lag, dass von offizieller Seite noch nicht geklärt war, was folgt“, erklärt Schuler. „Dramatischer war jedoch mein Abschied und zu realisieren, dass ich das Privileg genoss, in ein Flugzeug zu steigen und nach Deutschland zu fliegen, während es für andere nicht möglich war.“


Zurück in Deutschland, stand auch schon das PAIR-Bachelorstudium an der ZU an. „Besonders die Dreigliederung von Politik-, Verwaltungswissenschaft und Internationale Beziehungen hat mich voll und ganz überzeugt – also Politik aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten“, erläutert Schuler. Nachdem sie beim „Pioneers Wanted“-Auswahltag in der Initiativenbroschüre gestöbert hatte und über die StudentFair geschlendert war, zeigte sich Lea Schuler vor allem begeistert von der studentischen Initiative „welt_raum“, die Räume ermöglicht, in denen sich Geflüchtete sowie Bürgerinnen und Bürger begegnen und von- und übereinander lernen. Zunächst wirkte sie mit bei der Organisation von Begegnungsformaten, später als stellvertretender Vorstand bei der Umwandlung von der Initiative in einen Verein und als Mitglied in der Steuergruppe Bürgerschaftliches Engagement im Bodenseekreis bei der Stärkung der Vernetzung von ehrenamtlichen Projekten in der Region.


Aus „welt_raum“ hervorgegangen ist die „Mentoring Community“, ein Projekt, das Begegnungen schafft zwischen Schülerinnen und Schülern der Integrationsklassen der Ludwig-Dürr-Schule und Studierenden. „Ziel ist es, den Kindern das Ankommen in Friedrichshafen zu erleichtern und sie beim Deutschlernen zu unterstützen“, sagt Schuler, die ein Jahr lang das Projekt als Vorstand geleitet hat. Außerdem übernahm sie von einem Masterstudenten die Leitung des vom DAAD geförderten Programms „Learning Network“. Dahinter steckt eine Koordinationsstelle, die sämtliche Aktivitäten hinsichtlich der Förderung von Geflüchteten und ihrer Integrationschancen bündelt.


„Neben einem Praktikum im Bereich Business Development beim Social Start-up ,Volunteer Vision‘, das unter anderem Online-Mentoring-Programme für die Flüchtlingsarbeit entwickelt, habe ich mich im Studium nach Kursen umgeschaut, in denen über Migration kontrovers diskutiert wird, um so neue Ansichten auf das Thema zu gewinnen“, erzählt Schuler. Ihren gewohnten Kontext zu verlassen, ihren eigenen Horizont zu erweitern und auf politische wie gesellschaftliche Themen aus der nicht-westlichen Perspektive zu blicken, das ermöglichte ihr ein Auslandssemester an der Kadir Has University in Istanbul.


Ein mit dem Thema Migration zusammenhängendes Terrain bearbeitet sie nun in ihrer Bachelorarbeit. Darin möchte sie den politischen Heimatbegriff beleuchten: „Genauer gesagt möchte ich Licht in das Wirrwarr der politischen Instrumentalisierung des Heimatbegriffes bringen.“ Während der Bachelorphase arbeitet Lea Schuler daran, gemeinsam mit weiteren Kommilitoninnen eine studentische Initiative aufzubauen und zu etablieren, deren Ziel es ist, feministische Themen in die Universität zu tragen: „Das Laut Kollektiv“, das im vergangenen Semester eine Diskussion mit der russischen Künstlergruppen und Punkband „Pussy Riot“ organisiert hat.


Für die Zukunft wünscht sich Lea Schuler, dass insbesondere „welt_raum“ und „Mentoring Community“ weiter bestehen bleiben: „Auch wenn die Migrationsdebatte nicht mehr so präsent ist wie noch vor wenigen Jahren, so gibt es in unserer Mitte eine für uns fast unsichtbare Gruppe von Geflüchteten ohne sozialen Anschluss, die weiterhin Unterstützung benötigen, um Teil unserer Gesellschaft zu werden.“