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01.12.2013

Isabel Schünemann

Dass Bildung sie einmal so sehr beschäftigen würde wie heute, kam für Isabel Schünemann unerwartet. Zwar wollte sie immer studieren, wuchs aber in einem Umfeld auf, in dem kaum jemand Abitur hatte. Da schienen ihr ein geisteswissenschaftliches Studium und eine wissenschaftliche Laufbahn zunächst vollkommen abwegig. Heute bereitet die CCM-Masterstudierende und Stipendiatin der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) ihre Promotion in Kultur- und Literaturwissenschaften vor. Und forscht über Bildung.



Viel Zeit für Schule hatte die heute 26-Jährige ohnehin nie. Als Kunstturnerin verbrachte sie nahezu täglich viele Stunden in der Turnhalle, engagierte sich außerdem als Trainerin mehrerer Mannschaften. In der Schule kümmerte sie sich in Pausen und Freistunden lieber um die Förderung und Nachhilfe jüngerer Schüler, betreute in den Ferien Kinderfreizeiten und fuhr in Trainingslager. „Schule war irgendwann nur noch das, was ich auf der S-Bahn-Fahrt zum Training gemacht habe“, scherzt die Studierende und verschweigt dabei, dass in ihrer Abiturnote trotzdem eine eins vor dem Komma steht. Außerdem arbeitete sie seit ihrem 14. Lebensjahr nebenher: „Ich fand es gut und wichtig, Verantwortung für andere und mich selbst zu übernehmen und früh auf eigenen Beinen zu stehen.“


Nach dem Abitur kam ein Sportstudium für die damalige Leistungssportlerin aber nicht in Frage. Viel faszinierender fand sie das große Ganze von Mensch und Gesellschaft: „Menschliches Verhalten und Zusammenleben fand ich immer erstaunlich“, erzählt Isabel Schünemann. Sie absolvierte ein Praktikum in einem Max-Planck-Institut: „Hirnforschung interessierte mich besonders, weil es ja paradox ist, dass das Gehirn versucht, sich selbst zu verstehen.“ Doch entschied sie sich schließlich auch gegen das Studium in Neuro- und Molekularbiologie. Der Forschungsalltag mit all seinen Unsicherheiten und befristeten Verträgen versprach nicht die Jobsicherheit, die sie sich durch ein Studium erhoffte: „Aus diesem Umfeld kommend war Bildung für mich etwas sehr Pragmatisches. Und ich wollte nicht das Risiko eingehen, am Ende in einem Pharmakonzern zu landen.“


So fiel die Wahl zunächst auf ein Studium in International Business in Wiesbaden. „Ein analytisches Studium mit mathematisch-sprachlichem Fokus passte gut zu meinen Stärken“, begründet sie ihre Entscheidung. Auch lag Wiesbaden nahe genug an ihrer Frankfurter Heimat: „Engagement geht immer mit Verpflichtungen einher“, findet sie. „Ich konnte nicht einfach gehen.“ Sie studierte fortan von VWL bis Finanzmathematik auf Deutsch, Englisch und Französisch, lernte außerdem Japanisch. Und dennoch reichte es ihr nicht: „Auch das Studium blieb diese Sache, die ich nebenbei machte“, begründet sie ihre anhaltenden Zweifel. Nach dem dritten Semester war sie soweit, das Studium abzubrechen: „Ich brauchte einfach mehr Tiefe.“

Doch dann bekam sie ein Stipendium. Ihr VWL-Professor hatte sie eindringlich zu einer Bewerbung bei der Begabtenförderung der sdw ermutigt, nahm ihr auf dem Weg durch den Auswahlprozess immer wieder ihre Bedenken: „Ich hielt es für vollkommen unrealistisch, dort angenommen zu werden“, erzählt Isabel Schünemann. Heute findet sie, dass es zwar harter Arbeit bedarf, um etwas zu erreichen, aber viel wichtiger sind „Menschen, die einem Chancen eröffnen und an einen glauben.“ Ihrem Professor ist sie unglaublich dankbar für den Zuspruch in dieser Zeit.


Das Stipendium bot ihr nun Möglichkeiten, die fehlende Intensität des Studiums auszugleichen. Sie verwarf die Idee des Studienabbruchs und besuchte Veranstaltungen des Förderprogramms, studierte in Frankreich und arbeitete in Vietnam, erhielt weitere Stipendien, reiste in entlegenste Ecken Asiens und engagierte sich für krebskranke Kinder. „Ich hatte plötzlich so viele Anregungen und Freiräume. Das alles war eine ganz neue Welt für mich“, beschreibt sie die Begeisterung dieser Zeit, „und ich entdeckte, was ich mit dem Studium eigentlich alles anfangen konnte, sodass das Studieren selbst in den Hintergrund trat.“


Gemeinsam mit anderen Stipendiaten gründete sie 2010 schließlich eine Non-Profit-Organisation zur medizinischen Versorgung hilfsbedürftiger Kinder in Burkina Faso und durchlief ein einjähriges Förderprogramm für Unternehmensgründer. „Burkina Faso ist eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Der Staat finanziert zwar Ärzte, doch die Kosten für Medikamente und Equipment wie Spritzen sind allein vom Patienten zu tragen“, beschreibt Schünemann die Hintergründe von DEVELOPmed.aid. „Menschen sterben dann auf Krankenhausfluren, weil ihnen nur wenige Euro fehlen. Das Mikrospendenkonzept setzt hier an“, erklärt sie weiter. „Eine Spendenorganisation wie DEVELOPmed.aid leistet natürlich nur sehr indirekt einen entwicklungspolitischen Beitrag“, weiß sie, „aber die Organisation sorgt noch heute dafür, Kindern eine lebensnotwendige medizinische Versorgung zu ermöglichen.“


Sie selbst ist inzwischen allerdings nicht mehr dabei. Über die sdw stieß sie vor zwei Jahren auf die ZU: „Es war eine akademische Liebe auf den ersten Blick“, gibt sie verlegen zu. Obwohl sie eigentlich einen Master in Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik in Schottland plante, bewarb sie sich an der ZU für Kommunikations- und Kulturwissenschaften. „Die ZU weckte in mir plötzlich wieder das Bedürfnis, diese intellektuelle Leidenschaft für Theorie, Kultur und Literatur doch in einem Studium auszuleben. Es war die Entscheidung, Bildung nicht mehr Nebensache sein zu lassen.“ Und das nahm sie wörtlich.


Zwar blieb sie ihrem Interesse für Entwicklung und „Soziale Innovationen“ als Mitarbeiterin am Civil Society Center | CiSoC treu, doch konzentriert sie sich im Studium selbst lieber auf geisteswissenschaftliche Fragestellungen. Und Bildung. Sie engagiert sich in zahlreichen Zones in der Universitätsentwicklung, organisiert bereits zum zweiten Mal die studentische Forschungskonferenz ZUfo mit und schreibt derzeit an der Stanford University ihre Masterarbeit über die digitale Vorlesung.


„Bildung ist zentral für gesellschaftliche Veränderungen“, beschreibt sie die Verbindung mehrerer ihrer Interessensgebiete in einem Thema, „und aus dem historisch-kulturellen Kontext, der Bedeutung von Medien, Wissen und Institutionen, individueller Entwicklung und dem Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft ergeben sich eine Vielzahl sozial- und geisteswissenschaftlicher Fragen.“


Diese intellektuelle Herausforderung möchte Isabel Schünemann heute nicht mehr missen: „Veränderungen voran zu treiben hat mich immer motiviert, aber etwas fehlte immer.“ Heute hat sie es gefunden.