mehr Informationen zu ZU|Daily
 
Auf dieser Seite
Fragen?
Ihre Frage:
 
01.02.2019

Marcel Schliebs

Marcel Schliebs hat bewiesen, dass auch Studierende an der ZU beeindruckend forschen und lehren. Neben seinem eigentlichen PAIR-Bachelorstudium hat er an wissenschaftlichen Publikationen mitgewirkt, als studentischer Vertreter im Research Council an Forschungsfragen mitgearbeitet sowie Tutorien, Zusatzkurse, ein Kolloquium und eine StudentStudy geleitet. Dabei immer im Fokus: mit mathematischen und statistischen Methoden politikwissenschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten. Doch wie hat er es geschafft, Engagement, Studium, Forschung und Lehre unter einen Hut zu bekommen? „Mit wenig Schlaf und viel Begeisterung!“



„So wie andere große Sportereignisse im Fernsehen verfolgen, habe ich in meiner Jugend zusätzlich die Berichterstattungen über Wahlen oder politische Großereignisse wie den Arabischen Frühling mit Spannung beobachtet“, erzählt Schliebs. Doch nicht nur aktuelle politische Entwicklungen interessierten ihn, sondern auch, wie sich in früheren Zeiten Herrschaftsverhältnisse etwa durch Revolutionen verändert und wie sich Übergange zwischen politischen Systemen gestaltet haben. Selbst politisch aktiv war Marcel Schliebs als Schülersprecher und als Vorstand des Landesschülerbeirates Baden-Württemberg – hier wie dort engagierte er sich in der Bildungspolitik.


Neben Politik faszinierte ihn besonders die Beschreibung der Welt mittels der Mathematik – und des Journalismus: So ging Marcel Schliebs ein Jahr für den Südwestrundfunk in die USA und berichtete als Juniorkorrespondent in einem eigenen Blog sowie in Radiosendungen über die US-Präsidentschaftswahl 2012 – nachmittags, denn vormittags stand der ganz normale Schulunterricht auf dem Programm. Doch nicht nur journalistisch bildete er sich in dieser Phase weiter: „Besonders begeistert hat mich die Innenperspektive auf den Ablauf der Wahl, die so viel unterschiedlicher, so viel technisierter und digitalisierter ist als die Bundestagswahl in Deutschland ist“, bemerkt Schliebs. „Jedenfalls hat das Auslandsjahr mein Interesse an Politik und insbesondere an Wahlen gestärkt, sodass für mich klar war, dass es ein Studium der Politikwissenschaft sein sollte.“


Dass die Wahl auf den PAIR-Bachelorstudiengang an der ZU fiel, hatte nicht nur mit der Möglichkeit zu tun, neben Politik und Verwaltung auch mehr über internationale Beziehungen zu erfahren. „Besonders die persönliche Atmosphäre und die offene Diskussionskultur haben mich überzeugt“, ergänzt Schliebs.


Zu Beginn seines Studiums kannte sich Marcel Schliebs mit Politik gut aus, doch die Wissenschaft war ihm anfangs fremd – was sich allerdings grundlegend ändern sollte: Denn das erste, was er an der ZU kennen und lieben lernte, war die Forschung. So wurde er bereits nach dem ersten Semester von dem ZU-Professor und Politologen Joachim Behnke angesprochen, ob er nicht bei ihm am Lehrstuhl für Politikwissenschaft arbeiten möchte: „Daraus entwickelte sich eine Tätigkeit, die bis heute anhält und die von Anfang an besonders war.“


Denn vom Start an durfte Marcel Schliebs dem Politikwissenschaftler bei einem seiner Forschungsprojekte auf Augenhöhe zuarbeiten – Literaturrecherche, Theoriebildung, Datenanalyse und gemeinsames Verfassen eines Forschungsartikels inklusive. „Dabei haben wir untersucht, wie sich über die Bundestagswahlen 2009, 2013 und 2017 hinweg Koalitionspräferenzen bei verschiedenen Wählertypen herausbilden“, erzählt Schliebs. Parallel dazu arbeitete er gemeinsam mit weiteren Kommilitonen und unter Betreuung von Joachim Behnke an seinem Zeppelin-Projekt zu den Auswirkungen von Koalitionssignalen auf strategisches Wählen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016. Auch diese Ergebnisse sind in ein wissenschaftliches Paper und in einen Aufsatz für das Jahrbuch für Handlungs- und Entscheidungstheorie eingeflossen. So kreuzten – nach den ersten interdisziplinären Eindrücken – Altbekanntes wie Wahlen und weniger Vertrautes wie Statistik und Programmieren mit R seinen Weg. „Tatsächlich habe mich die mathematischen Methoden direkt in ihren Bann gezogen“, erwähnt Schliebs.


Nicht nur sich selbst, sondern auch andere zu unterrichten folgte als Konsequenz daraus, nachdem sich an den Lehrstühlen herumgesprochen hatte, dass Marcel Schliebs über weitreichende Methodenkompetenzen verfügt. So kam es im vierten Semester dazu, dass er ein Tutorium in Ökonometrie für Mitstudierende seines Jahrgangs leitete. Und das war nur der Anfang: Es folgten eine Reihe von Tutorien – ob Statistik, Quantitative Methoden oder Datenvisualisierung, mal angewandt, mal nicht, mal mit, mal ohne R, mal für Bachelor-, mal für Masterstudierende und auch mal gleichzeitig mehrere. Außerdem initiierte er ein Methodenkolloquium für interne wie externe Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis sowie eine im digitalen Raum angesiedelte Arbeitsgruppe mit dem Titel „R Force One“, in der es um den Austausch und Fragen rund um die Statistiksoftware geht.


Als ob das nicht schon genug wäre, leitete Marcel Schliebs auch Zusatzkurse: einerseits einen Einführungskurs in Mathematik für Studierende der ersten beiden Semester, andererseits ein selbst entwickeltes Kursformat in Angewandter Mathematik und Statistik für Poker, um Mitstudierenden mathematische Kenntnisse spielerisch zu vermitteln. „Die Tutorien und Zusatzkurse haben mir unglaublich viel Spaß gemacht, weil es ungemein anspruchsvoll ist, komplexe Themen verständlich zu erklären, vor allem aber, weil es ein unfassbar schönes Gefühl ist zu sehen, wenn es bei anderen Klick macht“, sagt Schliebs.


Zwischendurch verbrachte Marcel Schliebs ein Jahr in Paris. Zunächst studierte er Politikwissenschaft an der Sciences Po, belegte französischsprachige Kurse zur dortigen Innen- und Sicherheitspolitik. Schliebs nutzte seine methodischen Kompetenzen, programmierte kurzerhand ein Wahlprognosemodell für die anstehende Präsidentschaftswahl und unternahm eine Datenanalyse von mehreren IS-Propagandakanälen auf Twitter, was nicht nur die Mitstudierenden beeindruckte. So entstand auch der Kontakt zu Professor Martial Foucault, der zugleich Direktor des Center for Political Research an der Sciences Po ist – einem Institut, das in Zusammenarbeit mit dem französischen Innenministerium die regelmäßige Wahlstudie durchführt. Durch diesen Kontakt ergab sich für Schliebs die Gelegenheit, an dem Institut ein Praktikum zu absolvieren und gemeinsam mit dem Direktor Forschung zu betreiben. So ist etwa ein Paper in Bearbeitung, das sich mit dem strategischen Wählen bei französischen Präsidentschaftswahlen beschäftigt. Anschließend ging er für ein mehrmonatiges Praktikum zur Deutschen Botschaft in Paris, wo er neben den Themen Innenpolitik und Wahlen vor allem Außen- und Sicherheitspolitik bearbeitete und die Botschaft wiederholt gegenüber französischen Ministerialbeamten und anderen Akteuren vertrat.


Zurück an der ZU wurde er zum studentischen Vertreter im Research Council gewählt wurde – ein Gremium, das sich mit forschungsbezogenen Fragen wie Forschungsmittelvergabe oder Forschungsstrategie auseinandersetzt. Was während der Schule die Bildungspolitik war, war nun die Wissenschaftspolitik. „Neben dem Studium habe ich mich auch in der Open-Science-Bewegung engagiert“, erläutert Schliebs. „Das Ziel dieser Bewegung ist es, Wissenschaft offen zugänglich, transparent und ethisch korrekt zu machen.“


Daneben war es Marcel Schliebs weiterhin wichtig, selbst Wissenschaft zu vermitteln: So leitete er weitere Tutorien und initiierte eine StudentStudy im Bereich Angewandte Datenanalyse. Parallel dazu arbeitete er an seinem Humboldt-Projekt: „Ich habe alle 315.000 je in der Printausgabe des SPIEGEL veröffentlichten Artikel heruntergeladen und mit einem selbst programmierten Algorithmus untersucht, wie positiv oder negativ Artikel von 1947 bis 2017 über das Thema Migration berichten“, beschreibt Schliebs. Das gleiche Verfahren wendete er schließlich bei der Bearbeitung seiner Bachelorarbeit an, nur dass er diesmal nicht nur das Thema Migration, sondern auch Berichterstattung über den Arbeitsmarkt analysierte. „Anhand dieser Datensätze konnte ich die Ergebnisse der Landtagswahlen in der Bundesrepublik der vergangenen 30 Jahre ein wenig besser vorhersagen, als es Umfragen getan haben.“


Nach seinem Bachelorstudium will Marcel Schliebs weiter in der Wissenschaft tätig sein, weiter forschen und lehren. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt als Carlo-Schmid-Fellow im NATO-Hauptquartier in Brüssel, um am Arms Control, Disarmament, and Weapons of Mass Destruction Non-Proliferation Centre zu arbeiten, geht es an die University of Oxford. Was dann ansteht? Ein Master in Social Data Science und höchstwahrscheinlich wenig Schlaf und viel Begeisterung.