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01.05.2018

Fabien Matthias

Fabien Matthias ist deutscher und französischer Staatsbürger, fühlt sich aber inzwischen auch in Nepal heimisch. Dort erlebte er 2015 hautnah das schwere Erdbeben, entschied sich aber nicht, das Land schnellstmöglich zu verlassen, sondern den Menschen in den am stärksten betroffenen Regionen unter die Arme zu greifen. Daraus entwickelte sich Monate später in Deutschland die Idee, mit NePals einen Verein zu gründen, um Entwicklungshilfeprojekte strukturierter und koordinierter anzugehen. Gleichgesinnte fand er nicht nur in NGOs und Unternehmen, sondern vor allem an der ZU, wo er im sechsten Semester den SPE-Bachelor studiert.



Fabien Matthias verspürt seit jeher den Drang auszubrechen, andere Länder zu bereisen und dabei neuen Menschen zu begegnen und in neue Kulturen einzutauchen. Aufgewachsen mitten in Berlin-Schöneberg, kam Matthias an allen Ecken und Enden in Kontakt mit unterschiedlichsten Kulturkreisen. „Darüber hinaus haben mir meine Eltern alle Freiräume zur Entfaltung meiner eigenen Persönlichkeit gegeben“, ergänzt Matthias.


Im Alter von 17 Jahren und nur mit dem nötigsten ausgerüstet, verbrachte er mehrere Wochen in Osteuropa, „wobei es ab und zu vorkam, dass ich die eine oder andere Nacht unter einer Brücke schlief.“ Durch seine offene Art empfingen ihn auch die Menschen auf seinen Reisen mit offenen Armen. „Und das war es auch, was die Reise letztlich ausgemacht hat – nicht die Land- und Ortschaften, sondern die zwischenmenschlichen Begegnungen“, betont Matthias. Der Reiz nach Abenteuern war geweckt, und kaum das deutsch-französische Abitur in der Tasche, ging es mit Freunden, wenig Gepäck und einem heruntergekommenen Bus auf die nächste Tour.


Dass er sich nach dem Abitur gegen eine Ausbildung als Tischler entschied, obwohl sein Vater Tischlermeister ist und als freischaffender Architekt ein eigenes Architekturbüro führt, auch das hat letztlich mit seiner freiheitlichen Erziehung zu tun. Ein anderer Weg dagegen blieb ihm aus gesundheitlichen Gründen versperrt: So hegte er eine Leidenschaft für den Renn-, Cross- und Bahnradsport, was ihn sogar bis zu den Deutschen Meisterschaften führte: „Viele Jahre war das mein Leben!“ Doch ein Sturz veränderte alles, ein Traum war plötzlich in weite Ferne gerückt, was bis heute bleibt sind Leistenschmerzen. Alternativen mussten her, doch zunächst blieb offen, in welche Richtung die Reise geht. „Der Umgang mit den Schmerzen und die Suche nach Linderung hat dazu geführt, dass ich mich verstärkt mit meinem Körper und meiner Psyche auseinandergesetzt habe und mich selbst stärker zu reflektieren.“


Aber auch mehrere Praktika erzeugten nicht den gewünschten Effekt, nämlich ein mögliches Berufsbild zu entdecken. Erneut musste eine Reise her, um den Kopf frei zu bekommen, eine Reise, die diesmal in die Ferne führen sollte. „Ich habe mich nach einem Land erkundigt, in dem möglichst wenig Deutsche und Franzosen leben, und bin auf Nepal gestoßen“, erzählt Matthias. „Weitere Infos über das Land habe ich bewusst ausgeblendet, um vorurteilsfrei zu bleiben und tiefer in das nepalesische Leben eintauchen zu können.“ Weil er knapp bei Kasse war, schloss er sich einem Freiwilligendienst an, der Englischlehrer an nepalesische Schulen vermittelt. Kaum angekommen, lernte Fabien Matthias die Sprache und versuchte, so wie die Nepalesen zu leben. „Glücklicherweise bin ich bei einer nepalesischen Gastfamilie untergekommen, die mich von Anfang an offen und herzlich aufgenommen hat. So war es mir möglich, mich relativ schnell einzuleben“, berichtet Matthias.


Ursprünglich angedacht war ein viermonatiger Aufenthalt, doch es sollte alles ganz anders kommen. In den letzten Wochen erkundete er das Land auf eigenen Pfaden, lieh sich ein Motorrad und reiste von einer Region in die nächste. Tage später im Westen Nepals in einem Hotel: Plötzlich erzitterte der Boden, Möbel purzelten durch das Zimmer – der Grund: ein gewaltiges Erdbeben der Stärke 7,2. „Erst habe ich gar nicht realisiert, was überhaupt passiert ist. Auch die Ortschaften ringsum waren auf den ersten Blick kaum betroffen“, sagt Matthias. „Erst auf dem Weg zurück zu meiner Gastfamilie habe ich nach und nach das ganze Ausmaß der Katastrophe erkannt.“ Auf der Reise vom Westen in den Süden wurden die Schäden von Ort zu Ort zunehmend sicht- und erlebbarer.


Von Nachbeben erschütterte Nächte später erreichte er seine Gastfamilie. Dort angekommen, überlegte er mit weiteren Freiwilligen und seinem Gastbruder, wie sie den Menschen in den stark betroffenen Regionen unterstützen können. „In keiner Sekunde habe ich daran gedacht, die Rückreise anzutreten“, erzählt Matthias. Durch eine zufällige Begegnung erfuhren sie, dass das größte Leid mitten in den Bergdörfern herrscht, wo kaum jemand hinkommt. Sie plünderten ihre Konten und begaben sich in eine den Bergdörfern vorgelagerte und vom Erdbeben weitestgehend verschonte Stadt, in der sie Nahrungsmittel und Zeltplanen aufkauften. Diese transportierten sie dann mit einem gemieteten Schulbus in die umliegenden Orte. „In den Bergdörfern habe ich erst wahrgenommen, was das Erdbeben wirklich angerichtet hat: Dort stand kein Haus mehr“, erinnert sich Matthias. „Eine erschütternde Situation und schreckliche Erkenntnis!“ Mit der Zeit gewann das Vorgehen an Struktur und Effizienz, nach einigen Tagen hatten sie ein Basisdorf, eine Lagerhalle, ein rationiertes Verteilungssystem und weitere Transportmittel.


Und woher kam das Geld? „Wir haben in den ersten Tagen Spendenaufrufe an unsere Familien und Freunde in Deutschland gestartet, die sich dann per Schneeballeffekt verbreitet haben.“ Mit einem Teil der Spendengelder finanzierten sie unter anderem das letzte Schuljahr von mehreren hilfsbedürftigen Kindern, die Elternteile und/oder Haus verloren hatten. Als sich abzeichnete, dass sich die Lage in Nepal allmählich beruhigt, kehrte Fabien Matthias nach Deutschland zurück – mit mehreren Tausend Euro auf dem Konto. Also schaute er sich nach NGOs um, die in Nepal aktiv sind. So lernte er mit NepalMed einen Leipziger Verein kennen, der Infrastrukturprojekte betreut – auf diese Weise entstand eine von zahlreichen Kooperationen, die bis heute anhalten.


Einen Monat nahm er sich Zeit und überlegte, was als nächstes kommen mag. „In Gesprächen mit Freunden tauchte gleich zweimal die ZU auf“, berichtet Matthias. Nach der Bewerbung erfolgte prompt die Einladung zum Auswahltag, die ihn allerdings auf dem falschen Fuß erwischte, befand er sich doch mit Freunden auf einer Frankreichreise. Also ging es auf direktem Wege zur ZU: Fabien Matthias stieg aus einer alten, verrosteten Karre aus, am Leib ein viel zu kleines, mit Dönersoße garniertes T-Shirt, so wie er eben ist. „Die Tests naja, die Gespräche ganz gut – so wurde ich dann genommen“, bemerkt Matthias. Und so ging es für ihn an den Bodensee. „Die Entscheidung, ein Studium an der ZU aufzunehmen, habe ich bis heute nicht bereut“, sagt Matthias. „Denn nicht nur die Menschen sind großartig, sondern auch, dass mir hier theoretische Inhalte vermittelt werden, die ich in der Praxis anwenden kann.“ Besonders die Themen Nachhaltigkeit, Unternehmensführung und alternative Wirtschaftsmodelle haben es ihm angetan.


Parallel zum Studium kümmerte sich Fabien Matthias weiter intensiv um die Entwicklungshilfeprojekte in Nepal, die ersten Monate noch auf eigene Faust: „An der ZU habe ich in Gesprächen bemerkt, dass die Kommilitonen Lust darauf haben, an den Projekten mitzuwirken“, erläutert Matthias. „So entstand die Idee, mit NePals einen Verein zu gründen – mit dem Ziel, neben Aspekten wie Gemeinnützigkeit, Mitgliedschaft und Seriosität vor allem rechtlich auf der sicheren Seite zu sein und in der öffentlichen Wahrnehmung ernster genommen zu werden.“ Inzwischen arbeitet NePals an vier Entwicklungsprojekten: So werden in einem Bergkrankenhaus die Patientenverwaltung digitalisiert, durch Patensysteme Gebühren von Studierenden und Schülern finanziert sowie Privathäuser und Klassenräume gebaut – immer in Kooperation mit teils namhaften NGOs und Unternehmen. Seit der Vereinsgründung neu hinzugekommen ist ein Wasserprojekt in einem nepalesischen Dorf, an dem ein rund 20-köpfiges Team intensiv arbeitet. „Mir ist bei jedem der Projekte besonders wichtig, dass sie in Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort gestemmt werden“, erläutert Matthias.


Studium und Engagement zu vereinbaren, das gestaltet sich für Fabien Matthias nicht immer ganz einfach. „Besonders in den Prüfungsphasen – wenn viele meiner Kommilitonen verständlicherweise weniger Zeit für NePals haben – kann ich es mir nicht erlauben, die Vereinsaktivitäten ruhen zu lassen“, bemerkt Matthias. So befindet er sich auch aktuell wieder für mehrere Wochen in Nepal, um Gespräche mit Partnern zu führen, Mitwirkende zu koordinieren und die Entwicklungshilfeprojekte voranzutreiben. „Mein Herz pocht für Nepal!“