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01.02.2020

Safin Ilyas

Safin Ilyas weiß, wohin er will. So hat er den Sprung von der Hauptschule bis aufs Gymnasium und schließlich an die ZU geschafft. Nach seinem Bachelor sollen ein Master, eine Promotion und eine Führungsposition im Auswärtigen Dienst oder in einer internationalen Organisation folgen. Bei alledem verliert er aber nie seine Mitmenschen aus dem Blick, für die er sich ob als Nachhilfelehrer, Übersetzer, Mentor, Ansprechpartner oder Initiator von sozialen und Integrationsprojekten einsetzt.



Die Familie von Safin Ilyas gehört der jesidischen Minderheit im Nordirak an. Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 verschlechterte sich die Situation der Jesiden erheblich: Zum wiederholten Male wurden sie zur Zielscheibe religiöser und politischer Verfolgung. Das war der Anlass, warum der Vater die Familie in Richtung Deutschland verließ – mit dem Plan, dort eine neue Existenz aufzubauen und die Familie nachzuholen – und warum Safin Ilyas als ältester Sohn mit acht Jahren gemeinsam mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern die gefährliche Flucht auf sich nahm, um sich mit dem Vater und damit die Familie wieder zu vereinen. „Es war schon eine große Aufgabe, als Achtjähriger plötzlich eine starke Verantwortung zu übernehmen und diesen beschwerlichen Weg zu beschreiten“, bemerkt Ilyas. „Doch zum Glück ist ja alles gut gegangen.“


Nachdem er anfangs noch in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt hatte, erfolgte nach einigen Monaten der Umzug in eine Wohnung in Bielefeld. Mit einer gehörigen Portion Neugierde und Wissbegierde ausgestattet, stürzte sich Safin Ilyas nicht nur auf Bücher, um so schnell wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen. „Ich habe darüber hinaus permanent die Kommunikation mit meinen Mitmenschen gesucht und mich in meinem sozialen Umfeld eingebracht“, ergänzt Ilyas. Seine neu erworbenen Sprachkenntnisse machten aus ihm schnell einen gefragten Übersetzer: „Zunächst habe ich offizielle Schreiben für meine Familie übersetzt, dann für die Menschen in meiner Nachbarschaft – und bis heute begleite ich Geflüchtete zu Ämtern, Behörden und Ärzten als Dolmetscher.“


Auch anderweitig zeigte sich Safin Ilyas hilfsbereit: So hat er sich während seiner Schulzeit als Nachhilfelehrer im Projekt „Schüler helfen Schüler“ und während seines ZU-Studiums als Mentor von Hauptschülerinnen und Hauptschülern bei der Initiative „Rock Your Life!“ engagiert. „Für mich war und ist es eine Selbstverständlichkeit, meine Mitmenschen zu unterstützen, weil auch ich in meinem Leben viel Unterstützung erfahren habe“, sagt Ilyas. Gefördert wurde er sowohl persönlich als auch finanziell und ideell: Safin Ilyas war Stipendiat der START-Stiftung und ist Geh Deinen Weg-Stipendiat – beides Stipendienprogramme, die engagierte junge Menschen mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg begleiten; außerdem hat er ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, ein ZU-Diversitätsstipendium und ein PAIR-Stipendium erhalten.


„Dabei waren vor allem die START-Stiftung und die Hans-Böckler-Stiftung Türöffner für vieles, was danach kam“, erläutert Ilyas. Denn wie er waren in den Stipendienprogrammen couragierte Gestalterinnen und Gestalter tätig, sodass sich daraus zwangsläufig neue Projekte ergaben. Eines dieser Projekte, das Safin Ilyas mitgründete, war der gemeinnützige Verein „Keine Grenzen für Hilfe“, der Geld- und Sachspenden an bedürftige Menschen im Irak sammelte und verteilte.


Weil Safin Ilyas beim Blick auf seinen eigenen Integrationsprozess realisierte, dass das Bewegen zwischen zwei Kulturen und zwei Sprachen viel Zeit braucht, entschied er sich, mit „Anstoß für Menschlichkeit“ ein weiteres (Herzens-)Projekt zu verwirklichen, das Menschen mit Migrationshintergrund die Integration erleichtert: „Dabei handelt es sich um ein Integrationsprojekt, in dessen Zentrum ein jährlich stattfindendes Fußball-Wohltätigkeitsturnier steht, an dem sowohl einheimische Jugendliche aus Bielefeld als auch junge Geflüchtete teilnehmen“, erklärt Ilyas. „Die Erfahrungen der Turniere haben gezeigt: Durch den direkten Kontakt mit anderen Jugendlichen und das gemeinsame Spielen entstehen Freundschaften, und zugleich haben wir damit ein Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung gesetzt.“ Das Projekt belegte den 4. Platz bei den vom Deutschen Kinderhilfswerk verliehenen Deutschen Kinder- und Jugendpreis „Goldene Göre“, Safin Ilyas selbst wurde unter anderem für dieses Engagement der Bielefelder Integrationspreis sowie der Preis der Stiftung Filippas Engel verliehen.


Engagiert war Safin Ilyas nicht nur außerschulisch: Nach einigen Förderklassen und Förderprogrammen führte ihn der Weg zunächst auf eine Hauptschule. Selbstbewusstsein sammelte er dort als Klassen- und Schülersprecher, als Klassenbester und Jahrgangsbester seiner Abschlussklasse. Der Weg auf die gymnasiale Oberstufe war geebnet – und auch diesen Weg meisterte er mit Bravour, sodass seinem Traum eines Studiums nichts mehr im Wege stand. „Bereits auf der Hauptschule wusste ich, dass sich für mich – wenn ich mich nur richtig anstrenge und fokussiere – weitere Möglichkeiten ergeben, höhere Bildungsabschlüsse zu erzielen“, verrät Ilyas. „Daher erfüllt mich die Tatsache, dass ich kurz davorstehe, einen Bachelorabschluss zu machen, mit Stolz.“


Eine ähnliche Atmosphäre, wie er es im Rahmen der START-Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung kennengelernt hatte – also junge Menschen, die sich gegenseitig motivieren, und Seminare, in denen politische wie gesellschaftliche Themen diskutiert werden und in denen man ein politisches wie gesellschaftliches Bewusstsein entwickelt: Das wünschte sich Safin Ilyas auch von seinem zukünftigen Studienort. Es sollte also so sein wie das Seminar über „Social Entrepreneurship“ an der Trinity University in San Antonio, das er mithilfe eines Stipendiums der deutsch-amerikanischen Fulbright-Kommission besuchte und interdisziplinär ausgerichtet war.


In den Gesprächen mit Mitstipendiatinnen und Mitstipendiaten kam immer wieder die Frage nach dem passenden Studium auf – „und dabei fiel nicht nur einmal der Name der Zeppelin Universität.“ Nach den ersten Berührungspunkten mit der Universität im Rahmen des Kennenlernformats „StudierenProbieren“ wusste er, dass sowohl die Universität als auch der PAIR-Bachelor zu ihm passen. „Dabei haben mich insbesondere die Kombination und die Gleichwertigkeit von Politik, Verwaltung und Internationale Beziehungen überzeugt“, erwähnt Ilyas.


Auch fachlich hat Safin Ilyas seine Themen gefunden: So etwa die Analyse von Konflikten wie den Kriegen in Syrien oder in der Ostukraine oder die Digitalisierung in der Verwaltung – letzteres ein Thema, mit dem er sich auch während eines Praktikums in der Abteilung Cybersecurity bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft intensiv auseinandersetzte. In seinem Humboldt-Projekt und in seiner bald anstehenden Bachelorarbeit dagegen untersucht er die Kommunikation vor und innerhalb von Protestbewegungen in den sozialen Netzwerken: „Auf dieses Thema bin ich gestoßen, als ich in meinem Auslandssemester an der American University of Beirut neben einer alternativen Perspektive auf den Nahen Osten regierungskritische Demonstrationen hautnah miterlebte.“ Demnächst wird er erneut in den Libanon aufbrechen, um die Menschen vor Ort zu interviewen und damit Daten für seine Forschungen zu erheben.


Obwohl sich Safin Ilyas momentan stärker auf den Bereich der Politischen Kommunikation fokussiert, haben die Kurse an der American University of Beirut wie „United Nations and International Politics in the Arab World“, „Conflict and Conflict Regulation“ oder „Democratic Leadership“ seine Vorliebe für Internationale Beziehungen gefestigt. Daraus ergeben sich seine Pläne für die Zukunft: „Zunächst möchte ich einen Master machen, um meinem Lebensziel der Promotion ein Stück näher zu kommen. Und in nicht allzu weit entfernter Zukunft kann ich mir vorstellen, in der Führungsebene im Auswärtigen Dienst oder in einer internationalen Organisation tätig zu sein.“ Da kann es nur hilfreich sein, dass er parallel zu seinem letzten Bachelorstudienjahr im Entwicklungsprogramm der LEAD Academy Berlin Kompetenzen für die Führung in der digitalen Welt erwirbt.