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01.04.2020

Martin Haas

Eigentlich wollte Martin Haas als Kind mal Landmaschinenmechaniker werden. Doch sein Leben nahm einen anderen Verlauf: Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker führte ihn der Weg in das Controlling seines Ausbildungsbetriebs und auf dem zweiten Bildungsweg zur fachgebundenen Hochschulreife. Mit einer erfolgreich abgeschlossenen Deltaprüfung für beruflich Qualifizierte und einem Diversitäts- und Aufstiegsstipendium in der Tasche ermöglichte er sich ein CME-Studium an der ZU. Damit begann ein Leben zwischen Ökonometrie, Ökologie und Ökosystem.



Martin Haas ist mitten im Schwarzwald auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die Familie besitzt unter anderem Kühe und Rinder, ein Waldstück sowie einen Hang mit einem eigenen Skilift. „Dabei ist es selbstverständlich, dass man allerlei Arbeiten selbst verrichtet: So war – und bin ich ab und zu noch – nicht nur als Viehzüchter und Ackerbauer im Einsatz, sondern auch als Holzfäller, Zimmermann, Maurer, Dachdecker oder Skilehrer“, berichtet Haas. Was ihn schon als Kind am meisten faszinierte, waren Landmaschinen und ihr technisches Innenleben – und besonders für das präzise Arbeiten entwickelte er ein gewisses Händchen. „Und so habe ich ursprünglich den Plan verfolgt, Landmaschinenmechaniker zu werden. An ein Studium an einer Fachhochschule oder gar an einer Universität war damals noch gar nicht zu denken.“ Weil für die Ausbildung eine mittlere Reife ausreicht, ging Haas nach der Grundschule auf eine Realschule, um dort seinen Abschluss zu machen.


„Im Rahmen von zwei Praktika habe ich gesehen, dass es auch in der Industriemechanik auf eine präzise Arbeitsweise ankommt“, ergänzt Haas. Und so absolvierte er bei einem familiengeführten Technologieunternehmen eine Ausbildung zum Industriemechaniker und wurde anschließend übernommen. Die Arbeit gefiel ihm, das Arbeitsklima weniger – und so schaute er sich in dem Unternehmen nach einer Alternative um und wechselte schließlich in das Controlling. Eingearbeitet und angeleitet wurde er dort von einem ehemaligen Controllingchef eines global operierenden Pharmaunternehmens. „Rückblickend betrachtet war das ein Glücksfall für mich. Denn er hat mich als Mentor in die Welt der praktischen Betriebswirtschaft eingeführt und mich für Themen wie Kostenrechnung, Datenanalyse oder Produktentwicklung begeistert“, erläutert Haas. „Und nach und nach ist mir klar geworden, dass ich zwar ein bequemes und gut bezahltes Arbeitsleben führe, das mich aber zu wenig fordert und voranbringt – so reifte in mir der Gedanke heran, Wirtschaft zu studieren.“


Mit diesem Gedanken im Kopf besuchte er zwei Jahre lang die Abendschule, um die fachgebundene Hochschulreife zu erlangen. So arbeitete er vier Tage die Woche von morgens bis nachmittags im Unternehmen und ging vom frühen bis späten Abend in die Schule; daneben belegte er Wochenendseminare, um sich in den Bereichen Arbeitsorganisation und Prozessgestaltung fortzubilden, und erledigte zudem all die Tätigkeiten, die auf dem elterlichen Bauernhof noch anstanden. „Das hat mich aber nie gestört, denn ich musste nicht zur Abendschule gehen, sondern ich wollte“, erwähnt Haas.


Damit war der Weg für ein Studium an einer Fachhochschule geebnet, wenn nicht seine Mutter an einem Zeitungsartikel über das ZU-Diversitätsstipendium hängengeblieben wäre und ihren Sohn darauf aufmerksam gemacht hätte. „Klingt doch ganz interessant“, dachte sich Martin Haas und bewarb sich um einen Studienplatz und um das Stipendium. Zwar konnte er die Auswahlkommission von sich überzeugen, doch eines fehlte noch: die Zugangsvoraussetzung für ein Universitätsstudium. Um seine Studierfähigkeit festzustellen, musste er also an einer Universität eine Deltaprüfung für beruflich Qualifizierte ablegen, was er auch erfolgreich tat.


Mit der Zugangsvoraussetzung, dem Diversitätsstipendium und dem Aufstiegsstipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung, aber ohne spezielle Erwartungen – „damals wusste ich einfach noch nicht, was ich von einer Universität zu erwarten habe“ – startete Martin Haas in sein Studium an der ZU. „Anfangs war ich überrascht und auch ein wenig überrumpelt davon, wie viel Stoff in kürzester Zeit durchgenommen wird und wie viel eigenständige Forschungsleistung bereits während des ersten Studienjahres gefordert wird“, bemerkt Haas. Großes Interesse und eine hohe Motivation im Gepäck, entwickelte er allerdings schnell ein Verständnis für die Materie und erkannte rasch Muster hinter dem wissenschaftlichen Arbeiten.


Um wiederum die Muster hinter dem laufenden Universitätsbetrieb zu erkunden, engagierte sich Martin Haas als CME-Programmschaftssprecher – in dieser Funktion hat er an der Reform des CME-Bachelor und an der Besetzung von wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen mitgewirkt – und setzt sich seit einigen Monaten als studentischer Senator für die studentischen Interessen ein. Mit der Corona-Pandemie sind Martin Haas und die weiteren studentischen Senatoren inzwischen jedoch eher zu Krisenmanagern geworden. „Alles, was wir als studentische Senatoren ursprünglich angehen wollten, ist aktuell kaum noch relevant“, sagt Haas. „Seit dem Ausbruch der Corona-Krise leisten wir viel Kommunikationsarbeit, sind zum einen Ansprechpartner für alle studentischen Fragen und Probleme, zum anderen Mittler zwischen den Studierenden und der Verwaltung.“


Bereits ab dem zweiten Semester arbeitete Martin Haas am Lehrstuhl für Empirische Kapitalmarktforschung und Ökonometrie. „Meine Beschäftigung mit dieser datenanalytischen Materie nahm seinen Ausgang mit einem höchst anspruchsvollen und herausfordernden Kurs bei einem Doktoranden, der mich zu Höchstleistungen angespornt hat“, berichtet Haas. Bei seiner Arbeit am Lehrstuhl konnte er nicht nur tiefer in die Ökonometrie eintauchen, sondern auch erfahren und erleben, wie der Doktorand sein wissenschaftlich-methodisches Wissen nutzt, um Unternehmen und Organisationen zu beraten. „Viele Unternehmen und Organisationen verfügen über riesige Datensätze, ihnen fehlt aber oftmals die Kompetenz, wie diese Daten ausgewertet werden und wie Zahlen in Entscheidungen umgewandelt werden können“, erläutert Haas.


Weil er sein in der Theorie erworbenes Wissen in die Praxis weitergeben wollte, ging er in die Beratung: Zunächst als Mitglied und später als Vorstand schlüpfte er bei der studentischen Organisationsberatung „whyknot e.V.“ in die Beraterrolle, kümmerte sich zugleich um die Verwaltung der Aufträge und die Auftragsvergabe an studentische Mitglieder. Erst nach seiner Zeit in der Beratung widmete er sich wieder intensiv der Ökonometrie und den quantitativen Methoden. „Seither habe ich mich nicht nur dafür interessiert, wie diese Methoden funktionieren, sondern auch dafür, wie man diese Methoden verständlich vermittelt“, erwähnt Haas. Und so leitet er seit einigen Semestern das Tutorium in Ökonometrie.


Um sowohl erlernte als auch selbst programmierte quantitativen Methoden in die Praxis umzusetzen, schloss er sich mit einem Kommilitonen zusammen und bearbeitete gemeinsam mit ihm und unter Anleitung von Professorin Dr. Franziska Peter, Inhaberin des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung und Ökonometrie, sein Humboldt-Projekt. „Nachdem uns vom Lehrstuhl ein Datensatz zur Verfügung gestellt worden war, haben wir diese Methoden an der Volatilität – also dem Ausmaß der Schwankung – von Aktienkursen im Minutentakt erprobt“, erklärt Haas. „Dieses Wissen, wann und wie stark der Aktienmarkt oder aber eine einzelne Aktie schwankt, ist besonders für Banken und andere Finanzinstitute interessant, um ihre Kunden bestmöglich beraten und Risiken ausweisen zu können.“ Auch in seiner Bachelorarbeit hat er sich von der gängigen wissenschaftlichen Praxis distanziert und Methoden nicht deshalb angewendet, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, sondern die Methoden an sich weiter zu entwickeln. Weiterentwickelt hat Martin Haas im Rahmen von Praktika auch zwei Apps: Zum einen hat er für HSBC Deutschland ein Tool programmiert, dass die Veränderungen und Entwicklungen auf den länderspezifischen Bondmärkten visualisiert, zum anderen hat er für Stadtwerk am See ein Tool für die Strompreisanalyse gecodet.


„Wenn alles gut läuft, dann studiere ich ab Herbst einen Master in Quantitative Economics & Finance“, verrät Haas. Ob er danach der Wissenschaft treu bleibt, das steht noch in den Sternen – wie auch sein bisheriges, so könnte auch sein zukünftiges Leben einen anderen als geplanten Verlauf nehmen.