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01.07.2016

Martin Bukies

Frech, offen und neugierig. Ehrlich, direkt und authentisch. Ein Stück weit verrückt und mit einer gehörigen Portion Selbstironie ausgestattet: So lässt sich der Charakter von Martin Bukies beschreiben, dem neuen studentischen Vizepräsidenten, der sich in dieser Aufgabe selbst als „penetranten, kreativen und konstruktiven Störfaktor“ sieht. Vor dem Studienbeginn an der ZU durchlief er sechs Jahre lang neben dem Theologiestudium die kirchliche Ausbildung zum Priester – eine Zeit, in der er mit seinem freiheitsliebenden Wesen oft aneckte. Schließlich entschied er sich gegen die Priesterweihe und fand im vergangenen Jahr den Weg an die ZU und in den Masterstudiengang PAIR.



„Meinen Eltern war es immer wichtig, mir christliche Grundwerte mit auf den Weg zu geben und mich zu einem selbstständig und verantwortungsbewusst handelnden Menschen zu erziehen“, sagt Bukies. Schon während seiner Schulzeit meldete sich seine zeitweise übertriebene Ordnungsliebe, die – wie er scherzhaft erklärt – leicht auf die preußische Herkunft seiner Familie schließen lässt. Bukies organisierte mit Mitschülern fast zwei Jahre lang und bis ins kleinste Detail den Abiball, den er dann auch moderierte. Weiterhin engagierte er sich in der Theater-AG seiner Schule. „Denn es hat etwas Verlockendes, auf der Bühne dem Grenzwertigen in einem selbst Raum zu geben“, berichtet Bukies.


Wann er zum ersten Mal den Wunsch hatte, Priester zu werden, kann er heute nicht mehr genau sagen: „Liturgie und christliche Inhalte haben mich schon als Kind fasziniert. Die Kirche und ihre gottesdienstlichen Formen – das war der Ort, an dem ich mit etwas Transzendentem in Berührung kommen konnte, und der Inhalt, der für mich über meine Realität und meinen Alltag hinausging und damit größter war als ich selbst.“ Die sechs Jahre seiner Priesterausbildung sieht Bukies dabei nicht als vertane Zeit, sondern eher als Zeit des Reifens – des eigenen Charakters, des selbstständigen Denkens und auch eines aufgeklärten Glaubens. „Bis heute bin ich überzeugt, dass es wertvoll ist, wenn ein Mensch einen Glauben in sich trägt, der ihn dazu ermutigt, zu wachsen, über sich selbst hinauszugehen und in Freiheit seine Fähigkeiten zu entfalten“, beschreibt Bukies.


Nach dem Abitur bewarb er sich für die duale Ausbildung zum Priester, durchlief ein strenges Auswahlverfahren und erhielt schließlich die Zusage. Bevor das universitäre Studium der Theologie startete, stand ein Propädeutikum auf dem Programm, das ihn für vier Monate nach Freiburg und zwei Monate nach Israel führte. Rückblickend nennt Bukies den Beginn seiner Ausbildung den Eintritt in eine elegante Parallelwelt: „In einem Priesterseminar zu leben, fühlte sich für mich oft an wie ein Leben im goldenen Käfig. Es ist dem Leben in einem wirtschaftlich gutgestellten Kloster nicht unähnlich, man lebt in recht erhabenen Gebäuden, betet zu festen Tageszeiten, besucht täglich die Messe, nimmt gemeinsam seine (ausgiebigen) Mahlzeiten ein, genießt Gesangs- und Sprechausbildung – und ist permanent unter Beobachtung.“


Bukies war es daher wichtig, sich im Alltag seiner Ausbildung seine Freiräume zu schaffen und sich mit seinen Fähigkeiten und Charakterzügen einzubringen: So organisierte er eine Studienfahrt nach Dublin, probierte in Gottesdiensten oft Neues aus und provozierte gern, was oft zu Diskussionen mit seinen Ausbildern führte. „In einem System wie der katholischen Kirche bestimmte Themen nicht unter den Teppich zu kehren, kommt nicht bei allen gut an. Und ich habe oft Dinge ausgesprochen, die niemand zu sagen wagte“, erwähnt Bukies. Seine Mitstudierenden schätzten seine unverblümte Art und wählten ihn zum Haussprecher: „Das hat mir damals Mut gemacht, weiterhin nicht einfach ‚Ja und Amen‘ zu sagen. Dennoch wurde mir spätestens bei der Arbeit an meiner Diplomarbeit klar, dass ich etwas ändern musste.“ Passend dazu bearbeitet er in seiner Abschlussarbeit Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“, in dem ein junger Mann mit der Ambivalenz seines Glaubens hadert sowie mit seinem unbedingten Willen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.


Bukies schloss sein Studium ab, ließ sich aber nicht zum Priester weihen. „Die Reaktionen meines Umfeldes waren vielfältig: Von reiner Freude über pures Entsetzen bis zu tiefer Verachtung“, erzählt Bukies. „Für mich bleibt heute einerseits die Erkenntnis, dass es vielleicht naiv war zu denken, bestimmte Veränderungen herbeiführen zu können, und andererseits der Schatz eines zutiefst humanistischen Studiums, das ich an vier Universitäten absolvieren durfte. Ein Studium, das mich einen – so denke ich zumindest – recht reflektierten Blick auf mich umgebende Realitäten und nicht zuletzt meine eigene Person gelehrt hat. Ein Studium, das in mir eine unglaubliche Sehnsucht nach dem Leben und der Freiheit eines jeden Menschen entzündet hat.“


Dem Ausbruch aus dem goldenen Käfig folgte die Suche nach einer neuen Lebensaufgabe. „Prinzipiell sollte sich für mich der Kern meines Interesses nicht ändern. Nach wie vor waren es Menschen, ihre Sorgen und Probleme, die Komplexität und das Funktionieren gesellschaftlicher Systeme und Organisationen, die mich interessierten, und die Frage, wie man dazu beitragen kann, dass Lebensentwürfe gelingen können und somit zum Aufbau und der Festigung einer sicheren und solidarischen Gesellschaft beitragen“, berichtet Bukies. Dass dabei das Themenspektrum der internationalen Beziehungen mehr als interessant sein könnte, kristallisierte sich für Bukies in Gesprächen mit Freunden heraus, die für das Außenministerium tätig sind.


Bei der Suche nach einem passenden Studienangebot stieß er auf die ZU mit ihrem nicht-konsekutiven Masterstudiengang PAIR. „Ich war vom mehrdimensionalen Ansatz des Studienkonzeptes sowie der ganzen Universität begeistert“, sagt Bukies. „Einerseits kommen hier in einem Studiengang Menschen mit ganz unterschiedlichen fachlichen Expertisen zusammen, andererseits bietet die ZU als Ganze durch ihre Konzeption ,zwischen den Disziplinen‘ die Möglichkeit, dass sich Studierende und Dozenten multiperspektivisch auf die Suche nach Antworten auf relevante Themen unserer Zeit begeben.“ Eine weitere perspektivische Bereicherung stellte für Bukies im vergangenen Semester der Besuch eines Seminars an der Universität Zürich dar, der ihm durch die IBH-Modulmobilität ermöglicht wurde. „Auch meine Erstausbildung fällt im Master nicht unter den Tisch: Das Zu-, Mit- und Gegeneinander von Politik und Religion ist kein sonderlich kleines Feld“, ergänzt Bukies.


Auf das Amt des studentischen Vizepräsidenten ist Martin Bukies durch seinen Vorgänger Hannes Werning aufmerksam geworden. „Ich war sofort angetan von der einmaligen Chance, hauptamtliches und vollwertiges Mitglied eines Hochschulpräsidiums zu werden. Die Aufgabe ist völlig anders gelagert als die eines studentischen Interessenvertreters, sie lebt aber vom Miteinander mit Studierenden und ihren gewählten Vertretern“, sagt Bukies. Mehr als einen Monat bekleidet er nun schon das Amt. „Es ist eine tolle Erfahrung, dass meine Punkte, Fragen und Ideen im Präsidium ernstgenommen und als wichtig erachtet werden“, erläutert Bukies. Derzeit bereitet er die Einführungswoche des kommenden Semesters, das Welcome Event sowie den Development Day vor. Verstärkt in den Blick nehmen möchte er in den kommenden Monaten das Thema der physischen und psychischen Gesundheit der ZUler.


Martin Bukies ist jedenfalls froh, dass ihn sein Weg an die ZU geführt hat: „Eine Universität sollte ihre Studierenden dazu animieren, sich selbst zu finden, sich frei zu entfalten, größer zu werden und über sich selbst hinauszuwachsen“, sagt Bukies. „Ich glaube, dass ich diesen Ort gefunden habe.“