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01.04.2014

Sadi Al-Dari

Für Public Policy hegt Sadi Al-Dari ein ganz besonderes Interesse. Mit diesem gesellschaftspolitischen Thema hat sich der frisch gebackene Absolvent des Bachelor-Studiengangs PMG während seiner Zeit an der ZU in zwei Projekten auseinandergesetzt. Zum einen hat er ein Jahr lang ein Forschungsprojekt über neue Anliegenmanagement-Systeme der Verwaltung Friedrichshafen und des Bodenseekreises wissenschaftlich begleitet. Zum anderen arbeitete Al-Dari am Aufbau einer öffentlichen Verwaltung für Rawabi, der ersten palästinensischen Stadt, die am Reißbrett entsteht. Und damit hat er wahre Pionierarbeit geleistet. Was bei all dem erstaunt: Sein Werdegang war nicht immer geradlinig, er hatte auch viele kritische Situationen zu überstehen.


Der 24-jährige Al-Dari hat sich Zeit seines Lebens mit gesellschaftlichen Themen wie Politik und Geschichte beschäftigt. Das liegt vor allem daran, dass er schnell den Umgang mit zwei völlig verschiedenen Kulturen erlernen musste: So ist er Sohn eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter. „Da ich in Deutschland geboren bin, hatte ich natürlich erst einmal einen direkten Kontakt zur deutschen Kultur und Sprache. Doch als Erstgeborener eines Erstgeborenen lag es meinem Vater ganz besonders am Herzen, dass ich von klein auf auch die palästinensischen Traditionen einatme“, erzählt Al-Dari. So hat er zahlreiche Urlaube bei seinen Verwandten in Palästina verbracht, hält regelmäßigen Kontakt. „Das ist sehr wichtig für mich“, sagt er voller Stolz über seine Herkunft.


Die ständige Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen verwandelte sich in jungen Jahren in Neugier, was vor allem während seiner Schulzeit nicht nur Vorteile mit sich brachte. „Meine Lehrer mussten damit erst einmal zurechtkommen, dass ein 8-Jähriger immer wieder nachhakt und nachfragt. Da bin ich oft angeeckt“, erinnert sich Al-Dari. Das setzte sich dann auch wenig später auf dem Gymnasium fort. „Dort habe ich gerne Diskussionen über politisch brisante Themen angefangen. Das führte schnell dazu, dass ich als überpolitisch abgestempelt wurde“, sagt er.


Als die Schule seine Wissbegierde auf diesem Gebiet nicht mehr stillen konnte, fällte er eine auf den ersten Blick kurios anmutende Entscheidung. „Ich musste einfach etwas Neues ausprobieren. So habe mich für die Leistungskurse Mathematik und Physik entschieden“, begründet Al-Dari seine Wahl. Dass er sich dadurch sein Abitur versaute, ist im Nachhinein betrachtet zwar ärgerlich für ihn, „aber ich war nun mal beseelt von der Vorstellung, dass allein durch Fleiß und Motivation alles erreichbar ist“, erklärt er. Zum Studium ging er zunächst an die Technische Universität Kaiserslautern und studierte Wirtschaftsingenieurwesen für Maschinenbau. „Es hat mich auch alles wahnsinnig interessiert und gefesselt. Doch nach und nach fing ich an zu begreifen, dass es nicht klug ist, etwas zu studieren, was gar nicht unbedingt den eigenen Begabungen entspricht“, gibt er zu. Im vierten Semester fasste er den Entschluss, das Studium vorzeitig abzubrechen, was nicht nur im familiären Kreis zu Konflikten führte. „Ein Studium abzubrechen, das muss man erst einmal verkraften“, sagt Al-Dari.


Glücklicherweise hat ihm dann ein Freund von der ZU berichtet, von den lebhaften Diskussionen in den Seminaren und dem engen Kontakt zu den Wissenschaftlern. „Das klang im ersten Moment alles sehr spannend“, sagt Al-Dari. Er bewarb sich um einen Studienplatz, kam zum Auswahltag – und war alles andere als begeistert. „Es war der komplette Gegensatz zu dem, was ich vorher gewohnt war, alles so klein, so intim“, erzählt er. Erst das Auswahlgespräch mit Dr. Patrick von Maravić hat den Ausschlag für ein Studium an der ZU gegeben. „Er hat mich davon überzeugt, dass diese Universität genau das Richtige für mich ist“, erläutert Al-Dari. „Wenig später bekam ich die Zusage und ich habe mich sofort für die ZU entschieden. Im Nachhinein betrachtet: ein wahrer Glücksfall für mich.“


Und ziemlich schnell hat er ein wissenschaftliches Thema gefunden, dass sich wie ein roter Faden durch sein Studium an der ZU zieht: Public Policy. Direkt im zweiten Semester arbeitete Al-Dari mit drei Kommilitonen beim Forschungsprojekt „Der Bürger als Kunde – Anliegenmanagement im öffentlichen Sektor“ unter der Leitung von Dr. Christian Brock mit. Dabei ging es um die Online-Plattform „www.sags-doch.de“, auf der Bürger ihre Anliegen mitteilen und Beschwerden einreichen können, eine neue Form der Modernisierung und Digitalisierung der Stadtverwaltung Friedrichshafen. „Wir haben untersucht, wie sehr die Bürger auf die Plattform zugreifen, wie zufrieden sie damit sind und ob ihre Hemmschwelle, sich zu beschweren, gesunken ist“, sagt Al-Dari zu den analysierten Fragestellungen.


Nach einem durch die ZU ermöglichten Studienaufenthalt an der University of Berkeley reiste Sadi Al-Dari erneut nach Palästina. Und diesmal plante er keinen Urlaubsaufenthalt bei seinen Verwandten, sondern absolvierte in Rawabi, einer geplanten Stadt in der Nähe von Ramallah, ein viermonatiges Praktikum. Wie er dazu kam? „Das war eine ganz verquere Geschichte. Ich habe damals einen Blog verfolgt, auf dem regelmäßig über Projekte im Nahen Osten berichtet wurde. Dort habe ich dann ein Interview mit dem Leiter des Projektes in Rawabi gesehen und dachte: ‘Irgendwo habe ich den Namen schon einmal gehört.’ Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Interviewte ein Kindheitsfreund von meinem Vater war. Also habe ich mir die Kontaktdaten besorgt und dort angerufen. Und sie haben mir einen Praktikumsplatz angeboten“, erzählt Al-Dari schmunzelnd. „Und glücklicherweise hat zu dem Zeitpunkt die palästinensische Autonomiebehörde ihre finanziellen Hilfen für den Aufbau der öffentlichen Infrastruktur zurückgezogen. Das musste nun das private Unternehmen auch übernehmen. Und so fehlte Public Policy-Expertise.“ Natürlich hat ihn auch das zivile Projekt an sich fasziniert, das Wohnraum für 40 000 Palästinenser bieten soll. „Das beweist, dass die Palästinenser auch anders können. Denn die Medien zeigen oft ein Bild der Palästinenser, das von Steinewerfern und einer Opferrolle geprägt ist“, muss Al-Dari immer wieder feststellen.


Gleich am ersten Tag sah er sich mit der schwierigen, fast unlösbaren Aufgabe konfrontiert, „das abstrakte Gebilde Verwaltung voranzubringen“, wie er es selbst nennt. „Die ersten zwei Wochen habe ich komplett damit verbracht, die bestehenden Rechtssysteme zu durchforsten. Dadurch konnte ich mir einen ersten Überblick verschaffen“, erläutert Al-Dari seine anfängliche Herangehensweise. Und das war alles andere als einfach, eine regelrechte Pionierarbeit. „Denn das Stück Land, auf dem die Stadt Rawabi errichtet wird, hatte mehrfach den Besitzer gewechselt. Und diese haben jeweils die bestehenden Rechtssysteme mit eigenen Gesetzen ergänzt – so entwickelte sich ein ganzer Wust an Regeln“, sagt er.


Über verschiedene Wege kam Al-Dari an die entsprechenden Informationen. So benutzte er die Online-Rechtsdatenbank einer benachbarten Universität, besuchte die Verwaltungsbehörden in Ramallah und Al-Bireh und studierte Kommunalordnungen aus Kanada, Großbritannien und den USA. „Denn erschwerend kam hinzu, dass sich die Planer von Rawabi von Traditionen lösen und viele Innovationen einführen wollen, welche die Energieversorgung, das öffentliche Zusammenleben und die kommunale Regierung betreffen“, behauptet Al-Dari.


Welche Art von Gemeinde ist eigentlich Rawabi? Welche Dezernate müssen geschaffen werden? Wie viele Personen müssen in den Dezernaten angesiedelt sein? Wie sehen die verschiedene Rechte und Pflichten der politischen und verwaltungstechnischen Ämter aus? Mit diesen Fragen hat sich Al-Dari vier Monate lang beschäftigt. Die Ergebnisse hat er in einem Dossier zusammengefasst und damit einen Grundstein für die zukünftige öffentliche Verwaltung der innovativen Stadt gelegt.


Wird sein Leitfaden befolgt? „Ich weiß es nicht. Aber ich gehe davon aus, dass der mittlerweile aktive Gemeinderat und die übrigen Planer auf mein Material zurückgegriffen haben“, sagt Al-Dari. Und rückblickend ist ihm erst bewusst geworden, dass er in Rawabi wichtige Erfahrungen für sein späteres Berufsleben gesammelt hat. „Alles, was ich über Verwaltung und Politik gelernt habe, konnte ich dort umsetzen. Dadurch entwickelt man plötzlich ganz andere kreative Möglichkeiten, die mir auch bei zukünftigen Tätigkeiten weiterhelfen werden“, betont er.


Zurückgekehrt nach Friedrichshafen, schrieb Al-Dari sogleich an seiner Bachelor-Arbeit bei Prof. Dr. Joachim Behnke mit dem Titel „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen? Grundeinkommensmodelle in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung“. Und was bringt die Zukunft? „Ich bin auf der Suche nach einem Master in Public Policy oder Politik. Gerne würde ich auch im Ausland studieren“, äußert Al-Dari seine Wünsche. „Und ich hoffe, dass ich im späteren Berufsleben mit meiner Arbeit auch etwas bewirken kann und vielmehr noch: Sinn stifte.“