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01.03.2021

Rohat Akcakaya

„Alles wird gut“: Diese optimistische Grundhaltung hat Rohat Akcakaya dorthin gebracht, wo er heute ist. Aktuell muss er darüber nachgrübeln, ob er zukünftig die öffentliche Verwaltung bei der Digitalisierung berät und sich in einem Master zur Führungskraft von morgen ausbilden lässt. Oder aber, ob er einen Doppelmaster in London und Peking studiert, um zukünftig Gegensätze im interkulturellen Austausch überwinden zu können. So oder so: Er möchte nicht nur verschiedene Lebensrealitäten zusammenführen, sondern auch die Zukunft mitgestalten.



Als ältester Sohn einer türkisch-kurdischen Familie und Kind schwerhöriger Eltern musste Rohat Akcakaya früh Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere übernehmen. Neben dem Erlernen der deutschen Sprache ist er auch mit der deutschen Gebärdensprache als Muttersprache aufgewachsen. Und so begleitete er als sehr junger Dolmetscher seine Eltern bei Behördengängen, was sich mit dem frühzeitigen Erwerb von Lese- und Schreibkenntnissen intensivierte – ein wesentlicher Grund, warum er mühelos von der Grundschule direkt aufs Gymnasium wechselte.


„Während ich auf dem Weg zum Abitur war, sind viele aus meinem Freundeskreis verschwunden, weil sie beispielsweise auf die Hauptschule mussten“, berichtet Akcakaya. „Mit der Zeit habe ich mich mehr und mehr als Brückenbauer zwischen komplett verschiedenen Welten verstanden, habe ich mich doch permanent zwischen einer muslimisch und migrantisch und einer christlich und bürgerlich geprägten Gesellschaft bewegt und beide Welten als mein Zuhause schätzen gelernt.“ Daraus erwuchs sein Ziel, Menschen mit diversen Hintergründen zusammenzuführen und Räume für Perspektivwechsel zu schaffen.


Ein Türöffner auf dem Weg zum eigenen sozialen Engagement war das START-Stipendium der START-Stiftung, das engagierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund fördert: „Dort bin ich erstmals mit jungen Menschen zusammengekommen, die meine Lebensrealität teilen und mich wesentlich in meiner Persönlichkeit beeinflusst und in meinem Selbstbewusstsein gestärkt haben.“


Nachdem er sein Wissen um und Bewusstsein für die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten von sozialen Projekten erweitert hatte, startete Rohat Akcakaya in einem Netzwerk von Schülersprecherinnen und Schülersprechern die Begegnungsinitiative „Kick für den Frieden“. Gemeinsam organisierten sie drei Jahre in Folge ein zunächst regionales, später deutschlandweites Fußballwohltätigkeitsturnier mit jeweils mehr als 1.000 Teilnehmenden, mit Workshops und Konzerten sowie insgesamt mehr als 20.000 Euro Spendenerlös für den guten Zweck. Die Einnahmen wurden an das Friedensdorf International gespendet und damit an eine Organisation, die verletzte und kranke Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten ehrenamtlich behandeln lässt. Das soziale Engagement wurde nicht nur gesehen, sondern auch gewürdigt: unter anderem mit dem Integrationspreis des Rhein-Kreises Neuss und dem Bürgerpreis der Stadt Grevenbroich.


Nicht selten mutete der Alltag von Rohat Akcakaya absurd an: An einem Tag hing er mit Freunden im Plattenbau ab, am nächsten Tag posierte er mit einem Schulleiter für ein Pressefoto. „Bereits im Kleinen zeigten mir solche Begebenheiten, wie komplex die Welt ist und dass man die Welt nur verändern kann, wenn man sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet“, sagt Akcakaya. „Daher war es mir immer wichtig, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und die dahinterstehenden Interessen und Personen miteinander zu verbinden.“ Um die Welt nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen zu verstehen, musste es also ein interdisziplinäres Studium sein.


Politik, Soziologie, VWL, Jura, Soziologie und Geschichte: Von der Aussicht angezogen, diese Fächer in einem Studiengang zu kombinieren, ging Rohat Akcakaya für einen Bachelor in Staatswissenschaften an die Universität Passau. Schon nach wenigen Wochen fühlte er sich zwar in seiner interdisziplinären Orientierung gestärkt, aber als Immatrikulationsnummer unter vielen auch verloren. Im Austausch mit anderen START-Stipendiatinnen und -Stipendiaten blitzte die ZU auf – und das nicht nur einmal. „Ein von Freiräumen geprägtes Studium und ein persönliches Studienumfeld: Diese Claims haben mich sofort gecatcht“, erwähnt Akcakaya. Gut abgeholt und aufgehoben fühlte er sich auch in den ersten Gesprächen mit den ZUlerinnen und ZUlern. Materiell abgesichert durch das Diversitätsstipendium der ZU und das Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und ideell unterstützt durch das „GEH DEINEN WEG“-Programm der Deutschlandstiftung Integration startete er in das PAIR-Bachelorstudium.


Wie bereits an der Schule, so wollte Rohat Akcakaya auch an der ZU mitbestimmen und mitgestalten. Gleich zu Beginn ließ er sich als Jahrgangssprecher des Zeppelin-Jahres aufstellen und wurde gewählt. In den Sitzungen im StudentCouncil wurde er auf die AG Diversität aufmerksam, deren Ziel es ist, eine inklusive Universität zu realisieren. Nicht nur aus persönlichen Gründen übernahm er das Amt des studentischen Beauftragten für Studierende mit Behinderung. In seiner Amtszeit sorgte er gemeinsam mit ZU-Mitarbeitenden mit dafür, dass die Zugänge, Aufzüge und die Bibliothek barrierefrei und rollstuhlgerecht hergerichtet werden. Zudem organisierte er mit weiteren Mitgliedern der Initiative „Diversity Network“ im Superwahljahr 2017 die Podiumsdiskussion „Im Jahr des Aufbruchs – Gemeinsam gehen“, bei der über das zukünftige gesellschaftliche Zusammenleben diskutiert wurde.


Auf einer regionalen und bundesweiten Ebene hat Rohat Akcakaya durch sein Wirken Perspektiven zusammengeführt. Warum nicht größer denken? „Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nur den eurozentrischen Blickwinkel auf Länder wie die Türkei, Israel oder China gewohnt, wusste aber nicht, was die Menschen vor Ort denken“, erläutert Akcakaya. Um das herauszufinden, reiste er nach dem vierten Semester in die genannten Regionen. Zunächst ging es für ein Auslandssemester an die Bogazici University in Istanbul: „Als Stadt zwischen Europa und Asien und damit zwischen verschiedenen Lebenswelten reflektiert diese Millionenmetropole meine eigene Persönlichkeit“, bemerkt Akcakaya. „Erst dort habe ich realisiert, dass ich mich als transnationale Identität zwischen drei Kulturen gar nicht auf eine Identität festlegen muss, sondern die eigentliche Stärke darin liegt, das Beste aus jeder Identität zu ziehen.“ So eröffneten sich für ihn in Gesprächen mit den vor Ort lebenden Türken und Kurden Zugänge, die ihm ansonsten verwehrt geblieben wären.


Seine autobiografischen Erfahrungen sind in seine Bachelorarbeit eingeflossen: „Darin habe ich untersucht, wie kurdische Akteure in der Türkei, Syrien, Iran und dem Irak wirken und wie sie für Selbstbestimmung kämpfen, inwiefern das Einfluss auf kurdische Akteure in Deutschland hat und wie das Wirken von Kulturräumen wie Europa gelesen wird“, beschreibt Akcakaya. Trotz aller Schritte auf dem internationalen Parkett kann sich Rohat Akcakaya gut vorstellen, zukünftig in oder mit der öffentlichen Verwaltung zu arbeiten. Nachdem er bereits ein Praktikum im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gemacht hat, ist er mittlerweile als Praktikant bei der PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH tätig. „Auch wenn ich als Co-Vorsitzender eines Fußballvereins und als Mitinitiator eines Bürgerbündnisses für sozialverträglicheren Nahverkehr einige Projekte begleite, muss ich überlegen, wie ich es im beruflichen Kontext schaffe, gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen“, erklärt Akcakaya. „Bei der Beratungsgesellschaft ist das insoweit möglich, als dass ich hier den Staat in seinen Strukturen und in seiner Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürgern unterstützen kann.“


Gut möglich, dass sich Rohat Akcakaya beruflich in der Beratung des öffentlichen Sektors weiterentwickelt, indem er etwa einen Master an der NRW School of Governance studiert. Allerdings spielt er auch mit dem Gedanken, ob er nicht doch im Bereich der internationalen Beziehungen wirken möchte. Besonders reizvoll findet er dabei die Herausforderungen, die sich aus den europäisch-chinesischen Beziehungen ergeben. Auslöser letzterer Überlegung war eine Summer School zum Thema „Experience China“ an der Tsinghua University in Peking. „Durch die Begegnungen mit Teilnehmenden sowie Expertinnen und Experten hat sich für mich ein neues Bild und Verständnis von China eröffnet“, bemerkt Akcakaya. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass China als aufstrebende Weltwirtschaftsmacht ernstgenommen werden muss und es allein schon deswegen wichtig ist, dass die beiden Kulturräume respektvoll zusammenarbeiten und voneinander lernen.“


Die Welt oder das Deutschland von morgen mitgestalten? Das ist eine Frage, die Rohat Akcakaya derzeit Kopfzerbrechen bereitet und die er nach Bauchgefühl entscheiden möchte. Diese Frage zeigt aber auch, dass in seinem Leben bislang vieles, wenn nicht sogar alles gut gegangen ist.