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Promotionen

Johanna Schindler

Johanna Schindler | Foto: Felix Sandberg
Johanna Schindler | Foto: Felix Sandberg

Portrait


Ihr Studium der Interkulturellen Europa- und Amerika-Studien in Halle und Paris sowie des Kommunikations- und Kulturmanagements in Friedrichshafen schloss Johanna Schindler mit einer Promotion über künstlerische Forschung ab. Anschließend war sie kuratorische Assistentin am Kunstmuseum Liechtenstein, Managerin der Internationalen Kuratorentagung, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zeppelin Universität, und wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin am Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Seit 2019 ist sie Redaktionsleiterin des Journal of Cultural Management and Cultural Policy, Gutachterin für das Journal for Artistic Research, sowie freiberufliche Übersetzerin, Redakteurin und Projektberaterin im Kunst- und Kulturfeld.

Promotion

„Subjectivity and Synchrony in Artistic Research – Ethnographic Insights“


Forschung mit künstlerischen Methoden (artistic research) hat sich in verschiedenen Feldern zu einem viel genutzten Modus der Forschung und Wissensproduktion entwickelt. Die vorliegende Studie analysiert zwei künstlerische Forschungsprojekte – eines im Feld der Entwicklung digitaler Musikinstrumente, eines im Feld responsiver Umgebungen – im Hinblick auf die entstehenden Forschungsdynamiken und kollaborativen Praktiken. Wie werden individuelle Forschungsmodi organisiert? Welche Wissensformen spielen hier eine Rolle? Welchen Einfluss haben institutionelle Zusammenhänge, räumliche Ordnungen und Grenzobjekte auf die entstehenden Forschungsdynamiken? Und welche Kriterien zur Evaluation künstlerischer Forschungsprojekte lassen sich ausmachen? Zahlreiche Publikationen geben detaillierte Einblicke in Methoden und Praktiken künstlerischer Forschung. Diese Analysen sind jedoch selten theoretisch fundiert oder münden in eine feldspezifische Theorie. Johanna Schindler legt mit ihrem Buch eine der ersten ethnographischen Langzeitstudien über das Feld vor, um die oben genannten Fragen zu untersuchen.

Während eines Jahres hat sie zwei künstlerische Forschungsprojekte je dreimal drei Wochen lang begleitet. Die Projekte waren in Berlin und Basel angesiedelt. In verschiedenen Projektphasen hat sie teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews durchgeführt, detaillierte Feldnotizen angefertigt und Arbeitsräume fotografiert. Die so gesammelten Daten und Materialien wurden in zwei detaillierte Fallbeschreibungen zusammengeführt. Ein theoretischer Dreischritt – die Kombination aus „boundary objects“ (Star & Griesemer, 1989), Affordanz (Gibson, 1986) und Affekttheorie (Seyfert, 2012) – ermöglichte zudem eine multidimensionale Analyse der jeweiligen Forschungssettings: Dies beinhaltete sowohl zum Beispiel Büro- und Werkstatträume, institutionelle Zusammenhänge, Objekte, Materialien und Atmosphären, als auch die subjektiven Stimmungen der Forscherinnen, ihre individuellen Fähigkeiten, disziplinären Hintergründe, Interessen, Verhaltensweisen, Zeitmanagement und Forschungspraktiken. Entlang der Konzepte „attunement“ und „synchrony“ (Gestimmtheit und Synchronie; Koole & Tschacher, 2016; Wheatley, Kang, Parkinson, & Looser, 2012) untersuchte sie schließlich, wie die Forscherinnen die unterschiedlichen Forschungslogiken in ihre kollaborativen Forschungszusammenhänge integrierten.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die gegenwärtig zur Evaluation von künstlerischer Forschung verwendeten Kriterien (Forschungsergebnisse und Publikationen) überarbeitet werden müssen. Anstelle sich auf quantitative Indikatoren wie die Zahl der Veröffentlichungen, Konferenzbeiträge oder betreuten Doktorandinnen zu fokussieren, geben qualitative Kriterien wie Gestimmtheit und Synchronie laut Johanna Schindler stichhaltigere Auskunft darüber, ob die Forscherinnen eine synchrone Forschungsdynamik entwickeln konnten. Mit diesem Begriff deutet sie darauf hin, dass transdisziplinäre Forschungszusammenhänge allgemein – und künstlerische Forschungszusammenhänge im Speziellen – eine permanente Aushandlung subjektiver ästhetischer, materieller oder organisationaler Präferenzen, individueller Arbeitsmodi, disziplinärer Hintergründe, Methoden, Fähigkeiten und Forschungslogiken erfordern. Diese Unterschiede können die Entwicklung und das Vorankommen gemeinsamer Forschungsvorhaben sowohl befördern, als auch verhindern. Folgende Schlussfolgerung zieht sie daher aus ihrer Untersuchung: Anstelle die Unterschiede zwischen disziplinären Herangehensweisen auszugleichen und in einen homogenisierten Rhythmus zu überführen, sollten vielmehr die individuellen Hintergründe, Interessen, Fähigkeiten und Präferenzen jeder einzelnen am Projekt beteiligten Forscherin produktiv in eine synchrone Forschungsdynamik integriert werden. Auf diese Weise kann eine transdisziplinäre Vorgehensweise eingelöst und sowohl gemeinsame als auch individuelle Forschungsfragen bearbeitet werden. Vor diesem Hintergrund schlägt sie im Schlusskapitel konkrete Maßnahmen vor, um Forschungsumgebungen, Förderstrukturen und Evaluationskriterien zu entwickeln, die auf die spezifischen Gegebenheiten und Bedürfnisse künstlerischer Forschung reagieren.

Das Buch kann bei transcript bestellt werden.

Vorträge


  • Design and Development of Boundary Objects in Artistic Research
    Gastvortrag, 12/2019, Milieux, Concordia University Montréal
  • Espaces, mouvements, et attention: Les affordances d’un musée
    Keynote in Vertretung für Martin Tröndle, 12/2019, SOFPEL Jahreskongress, Musée des Beaux Arts Montréal
  • Subjectivity and Synchrony in Artistic Research. Ethnographic Insights
    Gastvortrag, 11/2018, Hybrid Plattform, Berlin
  • Boundary Objects in Artistic Research. Developing Synchrony between individual practices
    Vortrag, 5/2018, Jahreskongress der International Association of Curators of Contemporary Art, Danzig
  • Boundary Objects in Artistic Research
    Vortrag, 1/2018, Symposium on Limits, Boundaries and Edges, Transart Institute / Else Foundation, Mexico D.F.
  • The Role of Boundary Objects in Artistic Research. An Analysis of their Epistemic Potential and Structuring Function in Research Environment
    Vortrag, 8/2016, 4S/EASST Jahreskonferenz (Track: Artistic Research), Barcelona 

Monographien


  • Tröndle, Martin / Schindler, Johanna (forthcoming): Places of Excellence. How graduate programs build their reputation. Wiesbaden: Springer VS.
  • Schindler, Johanna (2018): Subjectivity and Synchrony in Artistic Research. Ethnographic Insights. Bielefeld: transcript.

Buchkapitel


  • Schindler, Johanna (2019): Negotiation, Translation, Synchronization. The Role of Boundary Objects in Artistic Research, in: Borgdorff, Henk / Peters, Peter / Pinch, Trevor (Hrsg.): Dialogues Between Artistic Research and Science and Technology Studies, New York: Routledge, S. 103-116.
  • Schindler, Johanna / Hinrichsen, Amelie (2017): Movement Meets Material – An Improvisational Approach to Design, in: Bovermann, Till et al. (Hrsg.): Musical Instruments in the 21st Century. Identities, Configurations, Practices, Wiesbaden, Springer, S. 97-126.

Peer Review-Journalbeiträge


  • Buck, Christina / Hofhues, Sandra / Schindler, Johanna (2015): Künstlerische Forschung unter Bildungsperspektive: individualisierte Studienprogramme?, Zeitschrift für Hochschulentwicklung 10 (1): 53-77.  Zum Beitrag
  • Schindler, Johanna (2015): Expertise and Tacit Knowledge in Artistic and Design Processes: Results of an Ethnographic Study, Journal of Research Practice 11 (2). Zum Beitrag

Weitere Informationen zum WÜRTH Chair of Cultural Production