Gesellschaft verstehen statt Kosmetik für Wirtschaftswissenschaften - Bachelor SPE an der ZU
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10.08.2012
Friedrichshafen. Wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge und spezialisierte „Business Schools“ befinden sich seit der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzmarktkrise in der Kritik. Auch die Arbeitsweise der Ökonomen wird in der eigenen Zunft kritisiert: Anlass hierfür sind Annahmenbildung, Mathematisierung und Fragmentierung der Phänomenbereiche bis hin zu Plagiats- und Rankingdebatten. Erste Hochschulen versuchen nun auf die Krise mit neuen wirtschaftswissenschaftlichen Programmen zu reagieren, die auch Teilaspekte der Philosophie, Ethik oder auch Politik als Module hinzunehmen.
Die Zeppelin Universität (ZU) geht seit Januar dieses Jahres einen gänzlich anderen Weg: durch Gesellschaftstheorie statt nur angereicherter Ökonomie. Im ersten deutschen vierjährigen Bachelor-Studiengang in "Soziologie, Politik und Ökonomie" werden drei Disziplinen integriert – theoriegeschichtlich wie themenbezogen nehmen sie zueinander Bezug.
„Alles andere ist Kosmetik und geht an den transformativen Herausforderungen unserer Gesellschaft vorbei – sei es bei der Energie, der Mobilität, der globalen Finanzmärkte, der Stadtentwicklung, neuen Formen der Sozialstaatlichkeit, der Zivilgesellschaft, der Gesundheit oder Demographie“, ist ZU-Präsident Prof. Dr. Stephan A. Jansen überzeugt. „Diese gesellschaftlichen Herausforderungen sind undiszipliniert – wir auch!“, so das Credo der vielfach für ihre Innnovationen ausgezeichneten Stiftungsuniversität, die sich selbst als Uni „zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik“ beschreibt.
Während nun einige Hochschulen mit neuen wirtschaftswissenschaftlichen Studienangeboten reagieren, die die klassische Volkswirtschaftslehre mit Seminaren aus anderen Disziplinen kombinieren, braucht es nach Einschätzung der ZU-Wissenschaftler Multidisziplinarität. Der Inhaber des ZU-Lehrstuhls für Kulturtheorie und –analyse, Professor Dr. Dirk Baecker, sagt: "Das funktioniert vor allem dadurch, dass wir auf aktuelle Phänomene wie Migration, Mobilität, Klima, Regulierung oder Staatsverfassungen unter Bedingungen der Globalisierung fokussieren und zwar mit einer theoretischen wie methodischen Mehrsprachigkeit." Baecker ist Mitinitiator des Studiengangs. "Rein additive Ansätze betreiben lediglich ‚window dressing‘ - so wie die Vorstellung, man könne durch die Integration von einstündigen Ethikvorlesungen in wirtschaftswissenschaftliche Programme bessere Ökonomen ausbilden", so Baecker weiter.
Präsident Jansen würde nach eigenen Angaben den Studiengang am liebsten selbst absolvieren. Er sagt: „Wer Gesellschaft studieren will, mit gesellschaftlichen Herausforderungen neue unternehmerische Geschäftsmodelle entwickeln, in Ministerien über neue Politikverfahren und Arbeitsteilungen der Gesellschaft nachdenken oder in der Zivilgesellschaft – von Stiftungen über Non-Government-Organisationen – seinen Beitrag leisten will, der wird hier angeregt – lebenslänglich.“
Waren in den letzten Jahren insbesondere die englischen Universitäten wie Oxford und Cambridge mit ihren Studienprogrammen „Philosophy, Politics & Economics“ Vorreiter für derartige Ansätze, hat die ZU als erste deutsche Universität einen eigenständigen, hier um die Soziologie entwickelten Bachelor-Studiengang konzipiert, der gemeinsam mit der University of California Berkeley durchgeführt wird. Auch in der Volkswirtschaftslehre selbst arbeitet die ZU mit einem erweiterten Verständnis, wie der Studierende Niklas Kurz seine Studienwahl begründet: "Bei uns stehen nicht nur klassische Mikro- und Makrotheorie auf dem Seminarplan, sondern auch neuere Ansätze wie verhaltenswissenschaftliche Ökonomie oder Neuroökonomie."
Die Nachfrage nach dem neuen Bachelor war mit 12 Bewerbern pro Studienplatz so stark, dass sich die Zeppelin Universität angesichts der Bewerberqualität nun entschlossen hat, zum Frühjahrsemester im Januar 2013 60 statt der nur 30 Studienplätze zur Verfügung zu stellen. Der Start im Januar ist eine weitere Besonderheit der Bodensee-Universität: nur hier kann man nach dem Abitur einige Monate für Praktika oder Sozialprojekte nutzen und dann zum neuen Jahr ein Universitätsstudium aufnehmen. Andere Hochschulen in Deutschland starten ihre Studiengänge entweder zum Oktober oder für ausgewählte Programme im April. Der forschungsorientierte Bachelor-Studiengang „Sociology, Politics & Economics (SPE)” startet am 11. Januar 2013. Bewerbungen sind bis zum 15.11.2012 möglich.
ZUM HINTERGRUND DES PROGRAMMS
Forschungsorientierung als Praxisorientierung Der Studiengang „SPE“ ist der vierte grundständige Bachelor-Studiengang der ZU, der das bisherige Angebot an Studiengängen in Wirtschaftswissenschaften, Kultur- und Kommunikationswissenschaften sowie Politik- und Verwaltungswissenschaften ergänzt. Er beginnt mit einer multidisziplinären Forschungsprojektphase der Studierenden im ersten Studienjahr („Zeppelin-Jahr“) und endet mit dem Individual-Forschungsjahr („Humboldt-Jahr“). Es sind zwei Praktika erforderlich, davon eines im Ausland. Das Programm enthält ein Wissenschafts- und ein Praxisbezogenes Coaching-Programm. Es werden Stipendien für Forschungsaufenthalte mit den Partneruniversitäten Berkeley, Copenhagen Business School und dem Goldsmiths College London vergeben.
Nachfrageorientierung statt Angebote Fragen, die im Mittelpunkt der Seminare und der studentischen Studien stehen können: Wie wird sich Demokratie weiterentwickeln in Gesellschaften, die demographisch von der Generation 60plus dominiert werden? Wer reguliert die nationalen Regulierungswettbewerbe? Wie werden sich globale Machtverhältnisse unter den Bedingungen der Erstarkung der Schwellenländer wie China, Brasilien, Indien und Russland neu konfigurieren? Was bedeutet die Moralisierung der Märkte für die Anbieter von Biolebensmitteln? Und erleben wir eine Renaissance der Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre oder doch eine neue Welle von Sozialunternehmen?
Ziel: Entscheidungslogiken in komplexen Systemen Ausgehend von klassischen wie gerade in Entwicklung befindlichen Theorien vieler Disziplinen ist das Ziel des Studiengangs die Vermittlung von Entscheidungslogiken, -verfahren und -kompetenzen für komplexe Systeme – unter der Bedingung der Unsicherheit und Interkulturalität heterogener Gesellschaften.
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