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"Der weltweite Wohlstand wird neu verteilt": Bundesfinanzminister a. D. Peer Steinbrück an der Zeppelin Universität.  |  07.05.2012


Friedrichshafen. Eigentlich liebt Peer Steinbrück die klaren Worte. Mit „Auswirkungen der globalen Machtverschiebungen und des globalen Wandels auf zukünftige Generationen“ hatte er sich selbst einen eher sperrig klingenden Titel für seinen Vortrag an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen ausgesucht. Dorthin war er vom studentischen „Club of International Politics“  eingeladen worden – und blieb sich dabei doch treu. Präzise, pointiert und profund umriss er die Herausforderungen, die Deutschland, seiner Wirtschaft und der jungen Generation bevorstehen. Und er machte Mut und zeigte Wege, diese Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen.

Denn spätestens mit Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 sind laut Steinbrück Verschiebungen im globalen Macht- wie Wirtschaftsgefüge im Gange, deren Folgen und Auswirkungen erst andeutungsweise zu überschauen und abzuschätzen seien, die aber maßgeblich sein werden. „Bis dahin hatten die G7“, also Deutschland, die USA, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Italien und Japan, „maßgeblich den Taktstock des Weltgeschehens in der Hand“, so der frühere Bundesfinanzminister, aber „diese Zeiten des europäisch-atlantischen Clubs sind definitiv vorbei“. Die Folgen des Turbo- und ungezügelten Finanzmarktkapitalismus würde ihnen von aufstrebenden Nationen wie China, Indien, Brasilien, Mexiko, Indonesien und Südkorea massiv angekreidet – Länder, die sich zusehends auf Augenhöhe verstünden, inzwischen in die sogenannten G20 aufgenommen wurden und eine „dramatische Verschiebung des Welt-Koordinatensystems“ mit sich brächten. Steinbrück: „Die Mitspracherechte werden neu sortiert“,und „der weltweite Wohlstand wird neu verteilt“, betonte er vor 350 Zuhörern und im Beisein des Aufsichtsrates und der Geschäftsführung der Zeppelin GmbH, welche als Gäste zugegen waren.

In diesem Zusammenhang sei „nicht in Stein gemeißelt, welche Rolle Europa künftig spielen wird“. In einer zunehmend multipolaren Welt, in der Asien, Südamerika und perspektivisch auch Afrika eine immer wichtigere Rolle einnehmen werden, ist für Steinbrück die Folgerung klar: „Wir müssen uns mehr anstrengen.“ Für Europa bedeutet dies seiner Ansicht nach insbesondere eine „weitere fiskalische Integration“ – also eine Übertragung souveräner Rechte wie die Steuer- und Haushaltspolitik in die Obhut der EU. Und für Deutschland selbst bedeutet dies alles andere als das, was in Debatten über eine Auflösung der Währungsunion oder etwa eine Re-Nationalisierung Europas mitschwingt. „Wer glaubt, Deutschland könnte seinen Platz in der Champions League behalten in Alleinstellung, der täuscht sich“, stellte er klar, vielmehr könne dies nur gelingen „in und mit Europa“. 

Ausführlich widmete sich der SPD-Spitzenpolitiker den Herausforderungen durch die Demographie und der alternden Gesellschaft – schließlich sprach er vorwiegend vor jungen Studierenden. Diese, prognostizierte er, würden später „von der gesetzlichen Rente kein auskömmliches Leben mehr führen können“ und müssten sich schon alsbald die Frage stellen, ob sie nicht „Gegenwartskonsum in Altersvorsorge umwandeln“. Zugleich jedoch seien die Berufsaussichten gut bis glänzend, da bereits jetzt ein Fachkräftemangel absehbar sei: „Man wird mit dem Lasso hinter Ihnen her sein, wenn Sie qualifiziert sind“.

Um diesen Mangel überdies zu beheben, schlug Steinbrück vor, die Zuwanderung (und zugleich die Integrationsleistung) wie auch die Erwerbstätigkeit der Frauen zu erhöhen. In skandinavischen Ländern sei diese ungleich höher als hierzulande. In diesem Kontext bezeichnete er es als „Skandal“, dass in Deutschland immer noch Frauen bei gleicher Tätigkeit um 22 Prozent schlechter bezahlt werden als Männer. Zugleich müsse in Deutschland jedoch auch „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ deutlich verbessert werden – etwa durch mehr Kita-Plätze. Auf die aktuelle Politik eingehend bezeichnete er denn auch das derzeit vieldiskutierten Betreuungsgeld als „kolossalen Schwachsinn“.

Welche weiteren Herausforderungen aber bringt eine alternde Gesellschaft für eine hochentwickelte Gesellschaft und Ökonomie überdies mit sich? Was geschieht, wenn „Neugier, Innovationsfähigkeit, Aufgeschlossenheit für Neues“, also jungen Leute zuzuschreibende Eigenschaften, in der Gesellschaft in eine Minderheitenrolle geraten? Wenn große Teile der Gesellschaft, sprich die Älteren, eher von „Gegenwarts- statt Zukunftsinteressen“ geleitet sein werden? „Dann müssen Sie lernen, sich durchzusetzen“, rief Steinbrück den Studierenden zu. Dies geschehe am besten, indem sie sich gesellschaftlich wie auch politisch engagierten. Dass gerade junge Leute den etablierten Parteien jedoch nicht gerade in Scharen zuliefen, könne er nachvollziehen, befassten sich die Parteien doch „in Binnenbefruchtung viel mit sich selber“, seien „selbstreferentiell“ und „ritualisiert“. Aber er zeigte sich sicher: „Die Parteien werden sich ändern und stärker offene Angebote an die Bürger machen.“ Kein Verständnis allerdings zeigte er für eine Haltung von „Verachtung“ gegenüber der Politik: „Diejenigen, die sich für so schlau halten, dass sie nicht mehr wählen gehen, sollten sich nicht wundern, wenn sie dann eines Tages von Dümmeren regiert werden.“ 


Peer Steinbrücks Vortrag im Audio-Podcast auf iTunesU

Video-Beitrag zu Peer Steinbrücks Besuch an der ZU auf iTunesU

Peer Steinbrücks Gastgeber an der ZU war der studentische Club of International Politics, Vertreter Nicolai Kubbig (re) moderierte die Veranstaltung.
Fotos | Bertram Rusch / ZU





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geändert: 14.05.2012